Von der Krankheit zur Gesundheit – Mein Weg 9

Rahmenbedingungen und weitere Erkenntnisse

Als ich am Montagmorgen um 10 Uhr in die Ambulanz der Klinik kam, fiel mir wieder auf, wie ungewöhnlich freundlich alle dort sind. Es ist eine Freundlichkeit, die ich eher mit Interesse, Zugewandtheit und echter Anteilnahme beschreiben würde. Zusätzlich  strahlt die ganze Abteilung eine Aura von Professionalität und reibungslosem Funktionieren aus, die die Stimmung der Patienten merklich beeinflusst. Obwohl dort nur Patienten mit einer Krebserkrankung anzutreffen sind und diese Diagnose bei vielen Menschen doch wohl zu Verzweifelung und großer Angst führen sollte, so ist hier eine gewisse ernsthafte Neugier und Zuversicht zu spüren. Lediglich anhand der Tatsache, dass alle Männer von Ihren Frauen begleitet werden und sie sich fast ohne Ausnahme an den Händen halten, lässt sich erkennen, dass es hier um ein Thema von großer Intensität und Tragweite handelt. Nämlich um Krebs!!

Zeit meines erwachsenen Lebens bin ich allein zum Arzt gegangen. Höchstens bei Verletzungen wurde  ich begleitet. Bei Krebserkrankungen ist das ganz anders. Es ist üblich und geradezu gewollt, das eine Bezugsperson bei all diesen Gesprächen dabei ist. Anfänglich empfand ich das als völlig fremd. Zu dieser Zeit fühlte ich mich ja eigentlich noch total gesund und im Vollbesitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte. Aus welchem Grund sollte ich dann eine Begleitung benötigen? Jedoch meinte eine sehr liebe Freundin aus dem Frankfurter Raum, die sich seit Jahren mit ihrer Krebserkrankung auseinandersetzte: “ Peter, nimm Susanne mit. Zu jedem Gespräch! Mit einem Block zum mitschreiben. Du wirst,ohne es zu merken, in den Gespräch mit dem Arzt so angespannt sein, das Du anschließend selbst einfache Dinge nicht mehr erinnerst.“ Das leuchtete mir ein. Trotzdem fragte ich sie noch, unsicher ob des ungewohnten Themas, ob die Ärzte es denn gestatten würden.?! Im Grunde wird aus meiner heutigen retrospektiven Betrachtung deutlich, in welchem Maße ich schon damals verwirrt und unsicher war. Eine Frage, wie die, ob die Ärzte so etwas zulassen würden, hätte ich in meinem alten Leben gar nicht erst gestellt.  Ich hätte früher bestimmt!   Aber zurück zu der großen Bedeutung einer Bezugsperson. Carl Simonton schreibt dazu: „Die wesentlichste Aufgabe der Bezugsperson ist es, dem Patienten zu helfen , das Gelernte mit nach Hause zu nehmen und ihn dabei zu unterstützen, es in seinen Tagesablauf einzubauen.“

Meine Bezugsperson ist Susanne. Wir sind noch nicht sehr lange zusammen. Fast genau drei Monate vor meiner Diagnose hatten wir uns kennengelernt. Seitdem waren wir fast täglich zusammen. Viele Gespräche, Offenheit, der Wunsch nach wirklicher Partnerschaft, die Bereitschaft auch schwierigere Themen miteinander zu klären, ein erster gemeinsamer Urlaub schufen Freude aneinander. Vertrauen und Liebe wuchsen. Die Zukunft, unsere Zukunft erschien wie ein heller Stern. Sowohl Susanne als auch ich hatten etwas gefunden, an dessen Existenz wir nicht mehr wagten, wirklich zu glauben.  Und dann das!!!  Gedanken wie, dass kann ich ihr nicht zumuten und ähnliches geisterten mir durch Kopf. Sie hatte doch einen Mann an ihrer Seite gesucht und auch gefunden. Und nun stellte sich heraus, dass sie sich einen Krebskranken aufgehalst hatte. Dürfte ich ihr das zumuten?  Welcher Schmerz, welche Qual auch für sie?  Doch nun, in dieser ja erst beginnenden Krise zeigte sie sich ihre Stärke und Entschiedenheit in einer beeindruckenden Art und Weise. “ Peter, ich bin bei Dir und zwar in jeder Hinsicht. Ich werde alles tun, um Dich zu unterstützen, ohne jede Einschränkung. Sag mir, was Du brauchst oder was Du Dir wünschst, und ich tue es!“ Und genau das macht sie seitdem. Keine Klage , kein Murren, keine schlechte Laune. Im Gegenteil. Susanne ist mitfühlend, aufmerksam, vorsorgend fürsorglich und sehr, sehr liebend.   Sie liest die gleichen Bücher wie ich über Krebs, textmarkert wie ich und dann vergleichen wir, um auch wirklich jede Erkenntnis, die  einer übersehen hat, durch den anderen trotzdem mitzubekommen. Und wenn ich sie dann frage, wie es denn ihr mit diesem ganzen Mist geht, dann erzählt sie mir von ihrer Wut über diese vermeintliche Ungerechtigkeit des Schicksals und auch ihre Angst. Und dann spricht sie über uns, unsere Liebe und die Natürlichkeit, dass wir zusammen gehören und zusammenbleiben. Dann schauen wir uns an, und alles ist gut.         –   Susanne ist meine Bezugsperson!   

Sie weiß, geradezu intuitiv, was mir in schwierigen Situationen guttut. Ein Beispiel: Nach der Operation war ich noch lange im sogenannten Aufwachraum, da es mir sehr schlecht ging. Später, als ich dann auf mein Zimmer gebracht wurde, war Susanne schon da. Mein Körper war aufgeblasen wie ein Walfisch, ich hatte Schmerzen und jedes einzelne Wort zu sprechen, bereitete mir Mühe . Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, reden zu müssen, damit sie sich nicht langweilt!  ( Verrückt oder? Ein Thema, mit dem ich mich seitdem beschäftige. Nämlich der Überzeugung, dass ich sonst nicht reiche).                    Susanne legte sich einfach an meine Seite, hielt mich in Ihren Armen und schwieg. Nun konnte ich auch schweigen.     -Susanne ist meine Bezugsperson! –  Ich bin ein Glückspilz!

An diesem Montag könnte sie mich, aus beruflichen Gründen, nicht begleiten. Ich war fest  davon überzeugt, ich käme allein problemlos zurecht. Also fuhr sie mich lediglich zur Privatambulanz und ging dann zu der Konferenz auf dem Universitätsgelände, die sie leiten wollte. 

Nach der gründlichen Orientierung durch eine Schwester über den Verlauf des Vormittags, wurde eben dieser Katheter gezogen. Ich fühlte mich anschließend körperlich wesentlich wohler und wartete. Neben mir ein älteres Ehepaar, bei dem offensichtlich am heutigen Tage das bei mir schon zehn Tage zurückliegende Vorgespräch stattfinden würde. Er beugte sich immer wieder zu seiner Frau und murmelte: „Cool, immer cool bleiben!“  Tat er mir Leid? Ich weiß es nicht. 

Dann lief der Professor, der mich operiert hatte über den Flur, sah mich, begrüßte mich und fragte, ob ich denn meinen Befund schon hätte. Als ich verneinte, meinte er nur, er würde mal schauen, ob er schon da wäre. Sehr freundlich und echt lässig. So ähnlich wie in der Autowerkstatt, wo der Meister den Kunden sieht und mal schaut, ob das Auto schon fertig ist. Mir war der Unterschied unmittelbar klar, war kurz betroffen und fragte mich, ob ihm so etwas bewusst ist. Wie wäre es wohl, wenn ich in seiner Position wäre? Die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit fühlten sich auf jeden Fall echt an.

Wiederum ging ich in mein kleines Wartezimmer und wartete.  Ich beschloss eine Übung zu machen, die ich in meiner systemischen Arbeit manchmal  mit meinen Klienten machte. Ich nahm eine Beobachterposition ein, setzte mich also gedanklich auf einen außenstehenden Beobachterstuhl und beobachtete den Peter, der dort auf seinen gleich eintreffenden histologischen Krebsbefund wartete. Das erste, was ich wahrnahm war, dass sich die Haare auf meinen Unterarmen sichtbar aufstellten. Als nächstes bemerkte ich, dass sich meine Sicht der Außenwelt veränderte. Immer noch sah ich alle Farben sowie die Einrichtung des Warteraumes, auch einen Baum , der sich im Wind bewegte, sowie einen Abschnitt des Himmels. Jedoch blieb all das außerhalb meines Ichs. Schwierig zu beschreiben. Es erreichte mich nicht mehr, ich hatte damit nichts zu tun. Meine innere Welt wurde immer stärker, ohne dass ich dies genau erklären könnte. Mein Herz schlug ganz schnell und meine Atmung wurde immer flacher, nur zwischendurch unterbrochen von zwei jeweils sehr tiefen Atemzügen. Enorme sehr diffuse Anspannung.

Ich wusste, dass diese Art der Dissoziation ( von außen betrachten) hilfreich sein kann, mit schwierigen Situationen besser umzugehen. Ebenso wusste ich, dass Angst nicht sehr hilfreich ist, eine Krankheit wie Krebs zu überwinden. 

Zusätzlich passierte etwas, womit ich gar nicht gerechnet hatte. ( Es passieren augenblicklich andauernd Dinge, mit denen ich nicht rechne. Sehr interessant).   Das gerade beschriebene Gefühl war mir bekannt, aber in einem gänzlich anderen Zusammenhang.

 Jedes Mal, wenn ich in meinem bisherigen  Leben eine Frau angesprochen habe, weil sie mir sehr gefiel und die  ich gern näher kennenlernen wollte, hatte  ich dies Gefühl! Aufregung, Erwartungen, Freude und auch ein wenig Bangigkeit zeichneten dies Gefühl aus. Körperlich genauso wie oben beschrieben.Zugegeben, ich kannte dies Gefühl nur aus einigen Lebenssituationen und doch hatte es sich bei mir durch seine Kraft und Energie gespeichert. Wenn ich mich in meiner beruflichen Tätigkeit  mit Stress beschäftigt habe, gab es die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Eustress und Distress. Eustress ist, banal ausgedrückt, positiver Stress, während Disstress, ebenso vereinfacht, ausgedrückt negativer Stress ist. In früheren Zeiten wurde oft gelehrt, dass Eusstress erstrebenswert und gesund während  Diestress ungesund und deshalb zu vermeiden ist. Dergleiche körperliche Zustand für komplett gegensätzliche Situationen!  Schädlich, nützlich?  Wie auch immer, ich werde mich damit beschäftigen.

So, der Doktor teilte mir nun mit, dass auch außerhalb der Krebskapsel……………

Das habe ich alles im 8. Kapitel der beschrieben. Themen, wie Tumormarker, Bestrahlung, keine sicheren Prognosen, Nebenwirkungen, noch viele Waffen, sind ab jetzt bedeutsam. Zumindest an diesem Tag. Entsetzt, konfus und in jeder Hinsicht überfordert verließ ich das Krankenhaus. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken und das Gefühl, die Kontrolle völlig zu verlieren, war in dem Moment schon ziemlich schwierig. Später kam  Suse, und sie gab mir den Trost, den ich so dringend benötigte. Wir erkannten beide, wie wichtig es ist, dass sie bei solchen Gesprächen dabei ist. Unter allen Umständen. Wieder hatte ich mich selbst überschätzt. Ich hoffe, es gelingt mir bald, mehr Demut und auch gesunden Menschenverstand einzusetzen und weniger Hybris?! 

Erst am nächsten Tag ging es mir dann wirklich besser. Nach einem langen abendlichen Gespräch mit Susanne, bei einem halben Glas Wein (!) und zusätzlich am nächsten Tag nach einem Telefonat mit meiner  Frankfurter Freundin über innere Weisheit und ganz individuelle, persönliche Wege zur Gesundung bin ich wieder klar in Kopf und Herz. Mein Optimismus und meine Kraft hatten eine Auszeit genommen und sind jetzt um so stärker zurückgekehrt. In den darauffolgenden Tagen ging es mir weiter immer besser, und in mir ist viel passiert. 

Beim nächsten Mal schreibe ich über innere Weisheit und den Umgang damit.

Alles Liebe für Euch!

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