Von der Krankheit zur Gesundung    Mein Weg 23

Dankbarkeit und wie sie sich für mich auswirkt

Meine Krebserkrankung ist kein Zuckerschlecken, Diagnose, Untersuchungen, Operation, anschließende Behandlungen und so weiter…….. Darüber hinaus gibt es Zeiten, in denen ich ängstlich oder deprimiert bin und mich auch schwach fühle. Gedanken an Tod, eine nur noch vergleichsweise kurze Lebenspanne voller Krankheit, sozialer Abstieg und Ähnliches erfüllen mich dann und wann. Glücklicherweise nur sporadisch. Wirklich die Kontrolle verloren habe ich nur zwei Mal. Hätte jemand mir vorher prophezeit, dass  ein Gefühl von Dankbarkeit gerade aus der Existenz dieser Kontrollverluste  entstehen würde, ich hätte es nicht für möglich gehalten. 

Das erste Mal, dass ich die Kontrolle komplett verlor, war, als mir die Diagnose Krebs mitgeteilt wurde. Damit trat  Undenkbares mit überwältigender Wucht in mein Leben. Etwas, das ich für mich als vollkommen ausgeschlossen ansah. Ich doch nicht! Vielleicht im Alter von 90, aber doch nicht jetzt. Auch wenn ich mir jetzt sage, dass das Leben für manche Menschen etwas bereithält, mit dem sie überhaupt nicht rechnen, so ging damals im Mai die Heftigkeit des Schocks über meine Kräfte.  Selbst jetzt, mehr als 3 Monate später, ist dieses Gefühl, wenn ich es zulasse, immer noch gegenwärtig.

Das zweite Mal erlebte ich diese Gefühl der kompletten Überforderung, als mir die Ärzte in den der Operation nachfolgenden Gesprächen mit sich ständig verschlechternden Aussagen ankamen. Jede dieser Aussagen bedeuteten, dass die Informationen des Vortages falsch waren. Sie zerstörten die Hoffnungen, ja die Gewissheiten des Vorherigen. Wem sollte ich den vertrauen, wenn nicht den Ärzten? Sie sollten mich doch retten. Mehr und mehr verlor ich den Boden unter den Füßen.

So gut ich das alles erinnere, so gut kann ich wahrnehmen , wie sehr ich das heute mit ganz anderen Augen sehe. Aus der retrospektiven Betrachtung kann ich viel Gutes erkennen! Insbesondere der Satz, „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, hat sich für mich als wahrlich zutreffend erwiesen. Denn: Die blitzartige Dunkelheit des ersten Augenblicks ist nicht mehr als eine Momentaufnahme gewesen. Das Leben, mein Leben, geht weiter. Gerade jetzt in diesem Augenblick bin ich auf Sylt und mache Urlaub. Susanne ist mit ihren lieben Kindern bei mir. Gleich treffe ich meinen Freund Nico. Wir gehen eine Stunde laufen, dann kaufen wir Kuchen, schauen uns einen Video an ( extra für schlechtes Wetter mitgenommen) und heute Abend gehen wir schön essen. All das genieße ich mehr als vorher und nicht, weil mir eventuell weniger Zeit bleibt, sondern, weil ich es früher einfach nicht so zu würdigen wusste. Die Gegenwart war mir nicht so präsent. Das Ende der Welt war mit dem Krebs eben doch  nicht eingetreten. Zusammengefasst sage ich für mich: Angst projiziert mein Denken in die Zukunft und die Gegenwart, also das Jetzt, findet gar nicht oder nur noch sehr eingeschränkt statt. Die Gegenwart zu erleben erfüllt mich jetzt mit echter Dankbarkeit. Und das hoffentlich noch sehr lange Zeit. 

Die zweite Erkenntnis, die mich mich mit Dankbarkeit erfüllt, ist die Erkenntnis, dass nicht die Geschehnisse im Aussen, die auf mich einstürmen, für meinen geistigen und seelischen Zustand verantwortlich sind. Entscheidend ist vielmehr, wie ich mit diesen Geschehnissen umgehe. Natürlich freue ich mich, wenn ich gute Nachrichten bekomme, und wenn die Nachrichten negativ sind, schreie ich nicht Hurra. Sehr genau schaue ich mir jedoch an, was dies Situation mit mir macht. Gewinnt sie Macht und Einfluss auf mich, auf mein Gemüt, meinen Elan, meine Ansicht der Dinge, ja mein Leben? Falls das so ist, dann bestimme nicht ich, wie es mir geht, sondern das Äußere! Das kann ja wohl nicht sein!! Es würde geradezu bedeuten, dass ich meine eigene Willenskraft, meine Gestaltungsmöglichkeiten und meine Kontrolle über mich selbst weggeben würde. Meine Selbstbestimmtheit wäre nichts weiter als eine leere Hülle. Immer wäre ich in der Hoffnung, dass die Botschaften und Begebenheiten, die auf mich einströmen, möglichst positiv sein würden, damit es mir gut geht und ich meinen Optimismus behalten kann. Ich will mein Leben anders!!  Ich bin der Schöpfer meines Lebens .  So zu denken hatte ich jedoch damals, bei diesen sich ständig veränderten Aussagen der Ärzte vergessen. Doch nur für einen Moment. Dann begriff ich, dass nicht das Verhalten der Ärzte für meinen Gemütszustand verantwortlich sein kann, sondern ausschließlich ich selbst. Ließe ich zu, dass deren unreflektierten Aussagen mich richtig runterziehen und deprimieren würden, dann wäre mein daraus resultierendes Verhalten ein Verhalten der Schwäche, des Jammern und in letzter Konsequenz der Selbstaufgabe.  Das ist für mich nicht akzeptabel! Im Gegenteil, indem ich mir immer wieder bewusst mache, dass nur ich für meine Einstellung verantwortlich bin, kann ich sogar gestärkt aus Situationen dieser Art hervorgehen. Insofern bin ich für das damalige Situation dankbar. Die Ärzte mögen ja von der medizinischen Behandlung meiner Krankheit mehr verstehen, vom sozialkompetenten Umgang mit mir und wohl auch mit anderen Krebspatienten haben sie wenig Ahnung. Aus welchen Grunde sollte also dieses Verhalten Einfluss auf meine Seele haben? Pustekuchen!

Dennoch gilt es für mich wachsam zu sein. Manchmal bin ich es nicht.    Letzte Woche war ich in München und hatte einen, durch die dortige Hitze, ziemlich anstrengenden Tag. In einem Workshop erarbeitete ich mit den Teilnehmern eines Unternehmens, welche Bedeutung Teamzusammenhalt hat  und welche gemeinsamen Handlungen sich daraus ergeben. In einem Konferenzraum, in dem mehr als 35 Grad herrschten! Den ganzen Tag.    Abends in der S-Bahn Richtung Flughafen war ich dann erschöpft und unreflektiert. Ich blätterte im „STERN“ und las dann, eben ohne nachzudenken, einen Bericht über ein 17-jähriges Mädchen, das an Krebs erkrankt war und schlußendlich starb. Extrem berührend und aufwühlend. Ihr Kampf ums Leben, ihr Optimismus, ihre zunächst guten Ergebnisse und dann ihr  qualvolles Sterben im Kreise ihrer sie liebenden Familie.  Ich brach in der S-Bahn in Tränen aus und versuchte, erfolglos, es zu verhindern. Obwohl es ein gänzlich anderer Fall war, eigentlich nicht zu vergleichen, erschütterte es mich vollkommen.  

Ich hatte nicht aufgepasst! Wie leicht es dann passiert, in Ängste und und damit einhergehenden schwächenden Gedanken zu verfallen!!  Genau kann ich mir ausmalen, wie es wäre, würde ich in diesem Zustand verbleiben. Meiner Genesung wäre es nicht zuträglich! Trotzdem passieren solche Dinge auch in der Zukunft wieder. Ich werde lernen damit umzugehen und meinen Weg weitergehen.


Alles Liebe für Euch.






 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.