Von der Krankheit zur Gesundung Mein Weg 24

Normalität??

Eigentlich geht es mir ganz gut. wobei das Wort „eigentlich“ schon ausdrückt, dass es auch ein „aber“ gibt.

Der Reihe nach:  Seit meiner OP am 26.Mai hatte ich nun eine lange Phase der allmählichen Erholung. Eine Stunde laufen schaffe ich wieder gut, mein Bauch hat noch nicht ganz die alte Form, ist aber auf dem Weg dorthin. Ich bin wieder in meinem normalen Arbeitsrhythmus. Ganz sicher bin ich mir nicht, doch ich habe das Gefühl, besser zu arbeiten als vor meiner Erkrankung. Irgendwie gelassener. Die Beschäftigung mit den möglichen psychischen Ursachen meiner Krankheit hat mich zu tiefgreifenden Erkenntnissen geführt. Meine Selbstwahrnehmung und Selbstverantwortung haben sich entscheidend vertieft. Susanne unterstützt mich in vielerlei Hinsicht, und die Partnerschaft mit ihr erfüllt mich und tut mir einfach gut. Die Brisanz meines Krebses ist ein ganzes Stück in den Hintergrund getreten. An seine Stelle ist wieder eine gewisse Normalität und damit Ruhe eingekehrt. Eine Ruhe, die mich normal leben lässt und meine ursprüngliche Anspannung besänftigt.  Aus diesen Gründen gehr es mir eigentlich ganz gut.

Durch verschiedene Begebenheiten habe ich jedoch gemerkt, dass die Bedrohung durch den Tod im Hintergrund  meines mittlerweile eben  normalen Lebens noch sehr aktiv ist. Im letzten Eintrag schrieb ich, wie sehr mich die STERN-Geschichte über den Krebstod eines 17-jährigen Mädchens mitnahm. Meine Entspannung-und Meditationsübungen fallen mir schwer. Manchmal funktionieren sie überhaupt nicht. Alpträume von Tod und Einsamkeit, wie ich sie bisher nicht kannte, begleiten mich durch manche Nächte. Am Wochenende habe ich mich mit dem Fahrrad überschlagen, weil ich nicht aufgepasst habe. (Außer Hautabschürfungen und Prellungen nichts passiert) Susanne meinte, ich würde weniger lachen. Mir selbst war das nicht bewusst. Seit drei Tagen habe ich eine Erkältung, mit Gliederschmerzen, Ohrenrauschen, Halsschmerzen, laufender Nase usw.   Letzte Woche sah ich im Fernsehen ein Interview mit den Roth-Zwillingen. Das sind die beiden Brüder, die, ehemals Handball-Nationalspieler, mit 47 ebenfalls an Prostata-Krebs erkrank waren. Anlass für dieses Interview war der 5-Jarhres-Zeitraum ohne erneute Krebsdiagnose. Gemeinhin gilt man dann als geheilt. Sie erzählten, dass sie dieses Datum mit einer großen Party mit ihren Freunden gefeiert hätten. Am Schluß meinte einer der beiden: „Glücklicherweise ist unser Krebs, bei uns beiden, nicht durchgebrochen!“ Sofort schoss mir durch den Kopf, „Aber bei schon!“ Ein unerwarteter, sehr unangenehmer Gedanke.               Wenn ich das Ganze so betrachte, scheint mir, dass ich etwas weniger stabil, etwas weniger zuversichtlich und stattdessen unmerklich etwas angespannter und ernsthafter wurde. Irgendwie zittrig. Dabei frage ich mich, ob es einen realen Hintergrund in sich trägt oder einfach das normale Auf und Ab des Lebens ist. Ich habe kein wirkliches Wissen darum. Feststellen kann ich nur, dass ich mich selbst wesentlich intensiver beobachte und wahrnehme.  Möglicherweise höre ich auch nur die Flöhe husten. 

Am Mittwoch hatte ich dann meinen neuen Termin zur Blutentnahme. Es sollte gemessen werden, ob der vor ca. 3 1/2 Wochen gemessene PSA-Wert von 0,52, weiter fällt oder stabil bleibt oder eventuell sogar steigt. Sollte er weiter fallen, wäre das, zwar kein Beweis, jedoch ein deutlicher Hinweis darauf, dass keine Krebszellen mehr in mir sein würden.  Aus irgendeinem Grund hielt ich ein Steigen oder auch nur einen gleichen Wert  für unmöglich!  Ich hatte mich, unabhängig vom Wert, entschiede auf jeden Fall im Herbst, also ungefähr Anfang November, eine prophylaktische Strahlentherapie durchführen zu lassen.  Heute morgen sprachen Susanne und ich noch darüber, ob es notwendig sein würde, mich zu begleiten. Meiner Einschätzung, ich könne allein hingehen, hielt sie entgegen, dass bei der Besprechung der späteren Bestrahlung es besser sei, wenn sie ebenfalls zuhören würde. Das leuchtete mir und so fuhren wir heute Nachmittag gemeinsam zum Urologen. Lachend, Susanne war eine U-Bahn-Station zu weit gefahren, sodass ich beim Abholen auf sie warten musste, gingen wir nichtsahnend in die Praxis. Saßen dann auf der Sonnen-Terasse des Wartezimmers bis und der Arzt holte. Kaum hatten wir in seinem Zimmer Platz genommen, teilte er uns mit, dass der PSA-Wert gestiegen sei. Von 0,52 auf 0,76! Weiterhin Er meinte dann, dass die Operation im Mai also nur der erste Schritt gewesen sein und es in meinem Körper noch Krebszellen geben würde, die sich inzwischen auch schon teilen würden. Wie  ursprünglich geplant, würde nun eine Bestrahlung folgen, nur eben schon ab der nächsten Woche. Täglich über 6 Wochen. Ein vernünftiges, sachliches Gespräche, bei dem ich mich in der Lage sah, ihm die richtigen Fragen nach Nebenwirkungen etc. zu stellen. Susanne war ganz ruhig. Ein Indiz dafür, dass meine Fragen ausreichten. Gleichzeitig spürte ich, wie ein Gefühl von „Ich will hier raus, ich  muss schreien“ in mir immer stärker wurde. Wieder mal stand die Welt still, gab es kein Außen mehr. Der Krebs ist weiterhin in mir. Was soll ich sagen? Mir fehlen die Worte.             Draußen nahm Susanne mich in den Arm, und ich konnte meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Wie dankbar ich bin, dass sie mich begleitete. 

Alle guten Nachrichten der Vergangenheit haben sich als Luftblasen entpuppt. Bisher wurde es, mal schneller mal langsamer, immer schlechter. Doch noch ist nicht aller Tage Abend! Es wird einen Zeitpunkt geben, an dem ich über wirklich gute Nachrichten spreche!!

Der Kampf geht weiter!

 

Alles Liebe für Euch!

 

Eine Antwort auf „Von der Krankheit zur Gesundung Mein Weg 24“

  1. Lieber Peter,
    40 Jahre nach unserem gemeinsamen Abitur stieß ich zufällig auf deine Seite. Besonders nach deinem Bericht über die Dankbarkeit wollte ich dir spontan antworten und für deine offene Umgangsweise, aus der Sicht eines Betroffenen, danken.
    Es hat mir geholfen. Nach deinem neuen Befund möchte ich nicht näher darauf eingehen. Denn jetzt benötigst du alle Kraft für dich und die kommende Zeit. Die richtige Partnerin scheinst du in Susanne zu haben. Euch beiden viel Mut, Kraft und Gelassenheit für die Zukunft. Ihr schafft das! Liebe Grüße Renate

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