Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 54

Das Privileg des  Leben

Wie deute ich die Ereignisse in meinem Leben und wie gehe ich damit ihnen um?

Oft funktioniere ich so wie die meisten Menschen. Ich freue mich, wenn sich etwas Schönes ereignet.  Das ist normal. Dann bin ich guter Laune, vielleicht euphorisch, lache, fühle mich lebendig, Zuversicht erfüllt mich, ich möchte dies Gefühl mit meinen Liebsten teilen, alles erscheint heller.Ich bin voller Elan und gehe mit einer ganz anderen Einstellung als zuvor die Themen , die für mich bedeutsam sind, an.

Wenn Menschen lachen, sind sie fähig zu denken.                            14.Dalai Lama

Ja, dann habe ich Ideen, Einfälle und ein Morgenhimmel, der sich mir zeigt, wenn ich in der Früh am Schreibtisch sitze, tut sein Übriges.IMG_2342 (2)Anders herum ist es ähnlich. Passiert etwas „Negatives“ geht es mir, je nachdem wie bedeutsam dies „Negative“ist,  zunächst mehr oder weniger schlecht ! Trauer, Entsetzen, Ärger, Wut, Unglaube, Schmerz oder Verzweiflung  füllen mich ganz aus, sind  manchmal sehr dominant  und andere Gedanken und Gefühle haben höchstens noch am Rande meiner Existenz einen Platz.  Ganz leicht sind Lähmung, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Niedergeschlagenheit und Pessimismus die Gefühle, die mich beherrschen. Inspirierende Gedanken und Ideen sind dann erstmal Mangelware. Alles erscheint grau und bedrückend. Lustlosigkeit.  In Potenz erging es mir so  mit der Diagnose „KREBS“! Das Leben war zwar noch nicht vorbei, doch die Freude war durch Panik ersetzt worden. Der Rest meines nunmehr wohl nur noch kurzen Lebens würde von Angst,  schmerzhaften, letzlich nicht heilenden Behandlungen  und einem qualvollen Tod geprägt sein. Nunmehr war ich wirklich bis oben angefüllt mit Entsetzen, Furcht und einem Gefühl des Ausgeliefertsein.

Doch das änderte sich schneller als ich dachte. Schon am Nachmittag des gleichen Tages saß ich mit meinem Bruder und Susanne bei mir auf der Terrasse in der Sonne . Wir aßen Kuchen, besprachen alles und lachten bisweilen sogar!IMG_1995 IMG_1996In den darauf folgenden Wochen wurde ich oft gefragt, wie es mir den gehen würde. Meistens lautete meine Antwort ungefähr so: „Es geht mir gut. Würde ich mir ständig Sorgen machen, würde mir das auch nicht helfen. Wäre ich heute voller Sorgen und führe morgen gegen einen Baum und wäre tot, wären die die heutigen Sorgen völlig umsonst.“ Manchmal erntete dafür ich unverständliche Blicke. Das war und ist mir komplett egal.  Dennoch führte das  zumindest gefühlte Näherkommen meines Todes zu intensivem Nachdenken. Obwohl uns allen der Tod bevorsteht ist er doch eher ein Ereignis, das scheinbar in mehr oder weniger großer Entfernung stattfindet. Der Horizont des Lebens liegt in weiter Ferne. Wozu also groß drüber nachdenken? Doch nun schien der Horizont meines  Lebens abrupt näher gekommen zu sein. Dieser Gedanke erfüllte mich mit Schrecken. Ich fühlte mich verwirrt und war nicht in der Lage meine verschiedenen Gedanken und Gefühle unter einen Hut zu bringen. Einerseits die feste Überzeugung, dass ich mir mit jetzigen Sorgen nur die restliche Zeit vergällen würde und andererseits die plötzliche Bedrohung eines viel früheren Todes als bisher gedacht. Wobei dieses „bisher gedacht“ im Grunde falsch ist, denn bis dato hatte ich mir über dieses Thema überhaupt keine tieferen Gedanken gemacht. Wozu auch? Ich wollte, wie alle anderen Menschen, sehr lange leben, also, ganz gesund, alt werden und basta. Na ja, manchmal kommt es eben anders, als man denkt!

Lange Rede kurzer Sinn, an das Thema musste ich ran.

Vor Jahren las ich die ein Buch, in dem sich eine Frau, die als Schriftstellerin erfolgreich gewesen war, in nunmehr  hohem Alter  Gedanken über ihr Leben machte.  Irgendwo in der Mitte dieses Buches schrieb sie: „Ich sehne mich nicht mehr. Was für ein Verlust! Der Verlust an Sehnsucht.“  Wie vom Blitz getroffen hielt ich inne. Sehnsucht, eine essentieller Teil des Lebens! Sofort war mir klar, das sollte mir nie passieren. Was wäre das Leben, ohne sich nach etwas zu sehnen? Eine trostlose Vorstellung. Voller Elan begann meine Sehnsucht zu erforschen. Da gab es so viel.  Und dann veränderte ich wirklich . Mein erster Marathon. Das hatte ich mir nie zugetraut. Beim so geliebten Windsurfen wagte ich mich in den Wellen wieder zu springen, nachdem ich mich Jahre zuvor gerade beim Springen schwer verletzt hatte. Skifahren in den Rocky Mountains.  Eine systemische Coaching-Ausbildung, die ich immer geschoben hatte. Ich wagte mich daran, Freunde zum Essen einzuladen und für sie zu kochen. Dies und einiges mehr. Und es gelang. Oft mit Bangen und Unsicherheit, doch mit großer emotionaler Intensität. Dabei lernte ich eines: Allein die Beschäftigung mit Sehnsucht ist schon aufregend.. Für mich ist Sehnsucht eine Mixtur aus Melancholie, Freude, Herzklopfen, Angst, Zuversicht…  Eine der Essenzen meines Lebens. Manches löst in mir die Resonanz von Sehnsucht aus. Das kann ein Lächeln von Susanne sein, der Liebeskummer meiner Tochter und die Sehnsucht, sie glücklich sehen, das Glitzern des Meeres in der Sonne und deren wärmende Strahlen.  Denke ich an unser Haus auf Lanzarote und die Abende auf der Dachterasse, so fühle ich Sehnsucht. Solche Sehnsüchte gibt es viele.  Diesen Sehnsüchten nicht zu folgen  ist in meinen Augen geradezu die Erbsünde!! Denn unser Ende kommt. Und dann auf dem Totenbett zu liegen und zu bedauern, wichtige, schöne Dinge nicht getan, sondern immer nur geschoben zu haben, ist, glaube ich,  nicht gut. Doch es geht auch um die vermeintlich nicht so schönen, nicht so interessanten Aspekte im Leben. So banal es klingt, manchmal habe ich an Ulli Hoeneß gedacht und überlegt, wie es ihm wohl geht im Gefängnis, und ob er jetzt nicht gern schwierige Vertragsverhandlungen oder ähnliche Aufgaben erfüllen würde, statt  unfähig im Gefängnis zu sitzen. Vielleicht dünkten ihn diese Tätigkeiten, die er sonst nicht mochte als nunmehr erstrebenswert. Weiter dachte ich an so viele Pflichten und Aufgaben, die ich vor mir herschob. Die mir, ob ihrer Nichterledigung zusätzlich ein schlechtes Gewissen machten. Und wie gern würde ich sie wohl noch mal machen, läge ich auf dem Sterbebett. Denn auch sie sind Leben. Und ich liebe das Leben in seinen vielen Facetten. In gewisser Weise wie die Buddhisten: Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich Lache, lache ich. Wenn ich putze, putze ich. Alles hat seinen Wert und bedeutet Leben. Wie oft sind wir mit unseren Gedanken sorgenvoll in der Zukunft oder bedauernd in der Vergangenheit. Das Hier und Jetzt ist, was wir haben und das gilt.

Also mache ich mehr als je zuvor, ganz absichtsvoll und mit Freude auch die scheinbar so lästigen Pflichten.  

 

Alles Liebe für Euch