Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 58

Gutes tun

Mehrmals habe ich mich  in meinem Blog mit dem Thema „Mitgefühl“ auseinandergesetzt. Und je mehr ich mich damit beschäftigte, umso unklarer wurde ich. Wie fühle ich das?    Mitgefühl mit mir selbst?!          Vor zwei Jahren, direkt nach der Operation, hatte mir der Psychoonkologe der Uniklinik Eppendorf ein 40-seitigen Text von einer Christine Brähler zu diesem Thema gegeben. Siehe Blog „Mein Weg 7“. Obwohl mir klar war, welche Bedeutung diese Lektüre für mich haben könnte, hatte ich ihn zunächst beiseite gelegt. So viele andere Themen………….

Doch Anfang dieses Jahres kramte ich ihn wieder hervor. Und tat mich schwer!  Kognitiv und rational begriff, was ich da las. Doch ein Gefühl wie,  „Ah, jetzt verstehe ich. Das ist ja prima! Endlich. So geht das also. Na, jetzt mache ich das mit dem Selbstmitgefühl.“  stellte sich nicht ein. Null! Im Gegenteil, am nächsten Tag las ich das Vorherige nochmals, da es in mir keinen Nachhall hinterlassen hatte. So als wenn ich eine wissenschaftliche Abhandlung über den Sinn und die Tiefe der Seele lesen würde und hoffte, ich bekäme dadurch einen erstmaligen Zugang zu meiner eigenen Seele.

Dabei war mir die Bedeutung von Mitgefühl für mich im Laufe dieser zwei Jahre immer klarer geworden. Falls es mir gelänge, aus dem Modus von Selbstkritik und Selbstanklage auszubrechen und ich stattdessen einen liebevollen, auch verständnisvolleren Umgang mit mir selbst pflegen würde, würde ich ein glücklicheres Leben führen. Das hätte wiederum eine positiven Einfluss auf meine Gesundheitszustand.

Unsere Lebensführung, das haben neueste Studien nachgewiesen,  hat einen gewissen Einfluss auf unsere Gene. Und da Krebs eine Generkrankung ist, geht es darum, sehr vereinfacht ausgedrückt, dafür zu sorgen, dass durch verschiedene Faktoren, die Gene positiv beeinflusst werden. Epigenetik, ein mir vorher völlig unbekanntes, doch nunmehr faszinierendes Thema.

Zurück zum Mitgefühl mit mir selbst. Selbstkritik schadet mir. Bremst mich. Lässt mich angespannt sein. Bringt mich nicht in einen Zustand von freudigem Engagement, sondern, im Gegenteil, scheint mich eher zu lähmen. Immer wieder die gleichen Themen!!! Kraftlosigkeit, mich im Kreis drehen, Niedergeschlagenheit. Das Steuer herumreißen wird dann immer anstrengender und schwieriger. Natürlich war dies nicht der vorherrschende Zustand meines Lebens. Doch es spielte immer wieder eine bedeutende  Rolle.

Mal angenommen, ein mir nahestehender Mensch schafft  etwas nicht, und ich bekomme mit, dass er sich dafür hart kritisiert. Schlage ich nun  in die gleiche Kerbe und kritisiere ihn ebenfalls und zwar auf einer persönlichen Ebene, so nach dem Motto, „Schon wieder! Du bist aber auch zu dämlich und zu schwach. Streng Dich doch mal an. Ich glaube nicht, dass du es schaffst. Jedenfalls nicht dauerhaft. Ich zweifle an reviews Dir!“. Würde ihn diese Kritik voranbringen, ihm sogar guttun? Wohl kaum. Im Gegenteil, er wäre eher geschwächt.                                                                                                                                     Was er vielmehr bräuchte, wäre Mitgefühl, Zuspruch und Ermutigung. Tun wir dies, würde es ihn unterstützen.

Wie gehen wir mit uns selbst um? Ich zumindest, bin ein Meister der Selbstkritik, und im Glauben, mich damit anzutreiben, habe ich mir nicht gutgetan!! Ich denke, dass es vielen Menschen so geht.

Das Mitgefühl, dass ich anderen Menschen so gern und oft auch so leicht geben kann, gebe ich mir selbst nicht. Doch ich hätte es gern.  Wie geht das?

In dem allmählichen Wissen, dass mir dieser Text „Compassion Focused Therapy“ von Christine Brähler nicht wirklich weiterhelfen würde, googelte ich sie. Und war fasziniert. Ein ausdrucksstarkes Bild, interessante Artikel, Meditationen und eben auch Seminare zum Thema „Mindful Self Compassion“.  Eine Woche zum Thema Selbstmitgefühl. Nahe München in einem Seminarzentrum auf dem Land. Ich meldete mich an. Und…………..

Eine neue Welt des Umgangs mit mir selbst tat sich auf. Selbstmitfühl, ein Programm in 8 Schritten. Eine Art Abenteuer >>Selbstverantwortung, Neugier, Unvorhergesehenes, Mut, Achtsamkeit, Kontrolle abgeben.

Ich setze  mich absichtsvoll positiven Einflüssen aus. Bewusste Konzentration auf diese Einflüsse. Meditation, Präsenz, Mitgefühl, gute Ernährung, wunderschöne Umgebung, Sport, Gespräche, Schweigen, Tagebuch, Lernen, Erfahren.

Der Anlass für Mitgefühl ist Belastung. Es gilt: Mit Anstrengung verändere ich kein Selbstmitgefühl. Wenn ich langsamer gehe, komme ich schneller voran.

Eine Aussage gleich am Anfang: „Wir arbeiten mit dem Herzen!“

Wenn ich mein Herz spüre: Weich, offen, verletzlich, berührbar, lösend……..Was passiert dann?  Ob dieser Frage bekam ich erstmal Herzklopfen.

Verschlossenes Herz: verkrampft im Körper, flaches Atmen, strenger oder starrer Gesichtsausdruck, Kritik an uns, an anderen, am Leben, der Welt. An allem. Angriff, Zurückziehen, Müdigkeit.

Frage: Was brauche ich denn gerade, um mit meinem verschlossenen Herzen umzugehen?   Zunächst brauche ich Zeit und damit die Gelegenheit, in mich hineinzufühlen, mich wahrzunehmen.  Wie bin ich mit mir selbst und wie bin ich mit anderen? Unter einfühlsamer, aber auch klarer Anleitung ging es los. Immer wieder Fragen, deren Beantwortung nur aus meinem Herzen heraus möglich war. Manchmal ganz schön schwierig.

Daneben die Frage, ob denn Selbstmitgefühl nicht bedeuten würde, dass man schwach und  träge wird. Ob das nicht sogar gefährlich ist. So etwas tut man doch nicht. Insbesondere als Mann!!   Die Forschung belegt das Gegenteil! Und genau das erlebte ich auch. Je mehr ich mich einließ, desto gelöster, klarer wurde ich. Der Morgen begann mit dem Frühstück und Gemeinschaftsarbeit. Schweigend!!  Eine gänzlich neue Erfahrung, die mir, wieder mal, zeigte, wie wenig ich in manchen Bereichen über und von mir weiß. Um 9 Uhr begann das eigentliche Seminar. Meditationen, Gruppen-und Einzelarbeit. Vielfältig und manchmal mit Überwindung.

Ein Beispiel:   Emotionaler Schmerz 

Schmerz und Widerstand gegen diesen Schmerz führt zu Leiden!                      Das, wogegen wir uns wehren, bleibt oder wird stärker.                                Mögliche Folgen:

  • Panikattacken
  • Nebel im Kopf
  • Selbstkritik
  • Melancholie
  • Depressionen
  • …………………………………

Wir versuchen uns abzulenken,um nicht dran zu denken. Und es bleibt!

Dient mir dieser Widerstand auf irgendeine Weise? Ich vermeide an Grenzen zu kommen, tauche sozusagen weg. Grenzen, von denen ich denke, dass ich sie nicht erreiche. vermutlich nicht schaffe. Ich tue nur das, was ich kenne, was ich kann. Dann ist der Erfolg auch sicher. Damit begrenze ich mich, mache mich klein. Ich ziehe den Schwanz ein.

In diesem Seminar habe ich angefangen zu lernen, anders zu leben.

Wenn ich zulasse, meinen Schmerz zu spüren, kann ich mich heilen.

 

Zugegeben, das klingt zunächst schwierig. Jedoch eher auf der rationalen Ebene. Durch  behutsame Anleitung und  Führung durch die Übungen öffnete  sich mein Herz und das versetzte mich wundersamerweise, in die Lage, ganz anders zu handeln.

Und so erforschte ich viele Aspekte meines Seins. Ein ganze, intensive Woche kümmerte  ich mich nur um mich.  Das tat unglaublich gut. Zurück in Hamburg bin ich weiter dran. Bereite meinen Tag sorgfältiger mit viel Freude vor. Bin aktiver. Die Dinge klappen besser. Laufe nicht weg und bin mitfühlend mir selbst, wenn ich etwas nicht hinbekomme, vergesse oder doch in alte Muster verfalle. Meine Krebserkrankung führt ab und zu in eine große Traurigkeit, oder auch die Angst vor neuen Metastasen beschäftigt mich. Immer besser gelingt es mir, diese Gedanken und Gefühle zuzulassen, sie wahrzunehmen  und mich mit ihnen zu beschäftigen. Im Grunde sehr unangenehme Themen, doch es befreit mich und lässt mich anschließend freudiger und lebendiger sein. Immer noch etwas unglaublich.

Heute morgen schaute ich nach dem Aufstehen vom Schlafzimmer auf die große Teichwiese im Sonnenschein und fühlte eine große Traurigkeit, dass es bald vorbei sein könnte. Gleichzeitig war ich voller Sehnsucht, es zusammen mit Susanne noch lange genießen zu können. So etwas hätte ich früher sofort weggedrückt und mich mit etwas anderem beschäftigt. Bloß ablenken!! Heute bin ich anders, ging  zu Susanne, erzählte es ihr. Sie nahm mich in den Arm. Ich fühlte Trost. Anschließend setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb, wie jeden Morgen, auf, worüber ich am gestrigen Tag glücklich war. So viele Dinge……

Ende August kommt der nächste PSA-Wert und Ende September das nächste Pet-Scan. Im freudigen, aktiven Gestalten meine täglichen Lebens trage ich dazu bei, dass es eher gut wird.

 

Alles Liebe für Euch!

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