Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 66

3 Jahre…..Eine Reflektion

Am 7. Mai 2015 erfuhr ich, dass ich an Krebs erkrankt bin!

Zeit innezuhalten, die 3 Jahre in Gedanken Revue passieren zu lassen. Was war schwierig? Was hat sich geändert? Was habe ich getan, geändert? Erste Schritte, Erfolge, Krisen. Erkenntnisse über das, was hilft. Viele Versuche. Try and Error. Freunde und meine Erfahrungen.

Weshalb schreibe ich dies? Schon während ich diese paar Zeilen „zu Papier bringe“ spüre ich mein Stocken. Frage mich, gehe in mich.  Tue ich es für mich? Oder für all die anderen, die meinen Weg verfolgt haben, Anteil genommen und mir Mut zugesprochen haben?  Unwichtig!  Mein Beweggrund ist Freude!! Freude, diesen Blog zu schreiben und mich dadurch mitzuteilen. Anderen Menschen und auch mir selbst. Schon kurz nach der Diagnose „KREBS“, dem Schock, der Todesangst und dem kaum zu beschreibenden Entsetzen ahnte ich, dass die Art meines bis dato geführten Lebens einen wohl wesentlichen Einfluß auf die Entstehung meiner Erkrankung gehabt haben könnte. Doch bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine Beschäftigung mit Krebs, zwar unbewußt, aber dennoch schön vermieden.  Jedes Mal, wenn ich von der Krebserkrankung eines mir bekannten Menschen erfuhr, erfüllte mich Grausen. Die beste Art damit umzugehen, schien mir darin zu bestehen, jeglichen Gedanken daran zu unterdrücken.  Dann würde mir schon nichts passieren. Dass Krebs eine Krankheit ist, die nullkommanull ansteckend ist, soweit habe ich nicht gedacht  Allein schon der Gedanke an Krebs, schien mir, ist gefährlich!  Und doch traf es mich.                                                                                                Irgendwo habe ich Bezug auf Krebs gelesen „Wen es trifft, den trifft es.“     Wohl wahr. Ins Herz. In jeden Gedanken. Bis in jede Zelle meiner Existenz.

Nachdem ich meine niederschmetternde Diagnose auf eine so gefühllose Art mitgeteilt bekommen hatte, verließ ich die Praxis und stand schluchzend draussen auf dem Gehweg. Die Sonne schien.  Menschen gingen achtlos an mir vorbei. Für alle ging das Leben seinen normalen Gang. Nur ich war aus dieser Normalität ausgeschlossen. Denn ich hatte gerade meine Diagnose „Krebs“ bekommen, war in einer pechschwarzen Wolke, ganz allein.  Am liebsten wäre es mir, wenn jedermann auf mich zugegangen wäre und mich tröstend in den Arm genommen hatte. Doch niemand nahm Notiz. Ein Zustand der von Angst erfüllten Einsamkeit hatte sich für mich ins absolut Extremste gesteigert. Schon lange Zeit, im Grunde mein ganzes Leben, kannte ich dieses verzweifelte Alleinsein, von dem niemand etwas wissen durfte. Hier war ich nun am Endpunkt dieser Entwicklung angelangt.  Mein so sorgfältig, auch vor mir selbst,  unterdrücktes Gefühl von „ich gehöre nicht dazu“ hatte sich nun auf schreckliche Art und Weise bewahrheitet!!       Dann passierte etwas, das mir lange zu denken gab.  Nachdem ich Susanne angerufen hatte, telefonierte ich auch mit meinem Zwillingsbruder. Er arbeitet als Chefarzt in einer Hamburger Klinik.  Kaum hatte ich zu Ende geredet, meinte er, „ich komme sofort zu Dir“.  Es war um die Mittagszeit, und er hatte bestimmt viel zu tun. Auf meine Frage, ob er denn einfach so gehen könne, antwortete er lapidar, dass es ihm das völlig egal wäre, er würde jetzt direkt losfahren.                                        Unglaublich, wegen mir wollte er alles stehen und liegen lassen! Und ich fühlte ganz bewusst und überdeutlich, wie sehr ich mich Zeit meines Lebens als unbedeutend wahrgenommen hatte. Ein Gefühl, dass ich vor mir selbst und auch allen anderen immer versteckt hatte.  Dieses Thema und solche ähnlicher Art beschäftigen mich seitdem.

Doch zunächst ging es darum, einen Umgang mit dieser Furcht einflößenden Krankheit zu finden. Sofort beginnende erste, mir fremde Untersuchungen, Anrufe von betroffenen Freunden, viele Ratschläge, meine Arbeit. All das forderte viel von mir. Zu der immer wiederkehrenden schrecklichen Angst erfüllte mich ein bohrendes Gefühl von Versagen. Diese Krankheit zu bekommen war in meiner Sicht ein wirklicher Makel.  Schnell begann ich eine Überforderung wahrzunehmen.  Zu viele Aspekte gleichzeitig. Es galt, einige Entscheidungen zu treffen.  Meine Arbeit wollte ich weiterführen. Bis auf ein großes Seminar, 3 Wochen nach meiner OP, das ich absagte, habe ich bis zum heutigen Tag normal weitergearbeitet.  Eine extrem gute und meine Genesung unterstützende Entscheidung. Tiefe Befriedigung, oftmals echtes Glück und die Erkenntnis, dass mir diese Erkrankung  viel mehr Sensibilität und intuitives Verstehen für mich und andere schenkte. Ein weiterer wesentlicher Punkt war die Entscheidung , einen Blog über meine Erkrankung zu beginnen. Ursprünglich wollte ich damit lediglich die vielen gutgemeinten Anrufe und damit einhergehenden Ratschläge vermeiden. Mir war klar, dass ich  einen sehr schwierigen Weg vor mir hatte und dafür meine gesamte Kraft brauchen würde. Also fing ich mit diesem Blog an. Bei der Einrichtung und den ersten Schritten war mir mit viel Geduld  mein Freund Niels behilflich. Im Grunde war meine Absicht, mich mit diesem Blog zu schützen und gleichzeitig weiterhin alle meine Freunde über mich zu informieren.  Dabei machte ich eine unerwartete Erfahrung, nämlich, dass dies Schreiben mir gut tat, mir zusätzliche Ideen und Impulse gab. Es machte Spass zu berichten. Ich tauchte in Themen ein, die sich mir sonst nicht erschlossen hätten. Der Blog selbst wurde zu einem Teil meiner Genesung. Ich erhielt zu Herzen gehende Kommentare, die ich auch noch  heute immer wieder lese.

Gleichzeitig brach eine Lawine an Untersuchungen, Gesprächen und dann auch sehr schnell an Behandlungen über mich herab. Nichts war angenehm,  doch alles notwendig. Richtig war, alles offensiv anzugehen. Wenn also ein MRT anstand, ging es darum,  gut zu finden, dass es durchgeführt wird. Wenn ich zur Bestrahlung ging, so stieg ich die ganzen 8 Wochen, jeden einzelnen Tag, in der Zuversicht, dass mir dort geholfen wird, in das zweite Untergeschoß der Uniklinik in Hamburg. Richtig war, mich im Wartezimmer niemals hinzusetzen. Mich damit abzugrenzen, von all denen, die dort mit leerem Blick und trostloser Miene die Verantwortung für ihr Schicksal anderen  übergaben. Doch es wurde immer schwieriger. Mit Harndrang zur Bestrahlung zu gehen, war eine Qual, die ich manchmal kaum zu händeln wusste. Da ich keine Ahnung hatte, was auf mich zukommen würde, überschätzte ich  mich immer wieder. Hier Geduld und auch Demut zu lernen war eine schwierige Übung. Was mir am meisten zu schaffen machte, war die Gedankenlosigkeit, die Unehrlichkeit und mangelnde Kompetenz vieler meiner Ärzte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Eigentlich sollte es wohl so sein, dass der Arzt bei einer so schrecklichen Erkrankung wie Krebs, hilfreich und unterstützend wirklich an der Seite seines Patienten steht. Auch Trost in manchen Situationen hatte ich erwartet. Mitnichten!  Ich begriff, dass es nicht nicht dieser unsensible Umgang der Ärzte war, der  mir schadete, sondern meine Reaktion auf dieses Verhalten. Solange ich darüber jammerte, mich als Opfer ihrer emotionalen Inkompetenz sah, war ich es, der sich selbst schadete.   Stück für Stück löste ich mich ganz bewusst von dieser emotionalen Abhängigkeit. Heute sehe ich Ärzte eher als Techniker, die mich in bestimmten, eng gefassten Bereichen, auf dem Weg zu meiner Heilung unterstützen. Dennoch gibt es auch unter ihnen Ausnahmen, die sich als wirkliche Freunde gezeigt haben. In den Notzeiten meiner Erkrankung, wenn es kritisch wurde, standen sie mit ganzem Herzen und großer Kompetenz an meiner Seite. Ich bin  Euch auf ewig dankbar, liebe Freunde.

Immer klarer wurde mir, wie wesentlich es sein würde, eigene Entscheidungen zu treffen, also selbstverantwortlich zu handeln. Und es fühlte sich gut an, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen! Dadurch trat ein Zustand von Selbstbestimmung zutage, durch den ich zu mehr innerer Kraft gelangte. Diese vermehrte, innere Kraft  wiederum befähigte mich zu weiteren eigenen Entscheidungen. Ein Kreislauf in der richtigen Richtung. Selbst  Entscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten, ließen mich nicht erstarren. Im Gegenteil, durch intensive Reflektieren war ich in der Lage zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Ein Prozeß, in dem ich mich seitdem permanent befinde. Manchmal mit viel Leid verbunden und doch immer wieder ins Licht führend. Den Themen ausweichen und mich ablenken, war und ist kein Thema mehr. 

Folgende Themen beschäftigten mich: 

  • Wie gehe ich mit Ärzten um, die sich wenig Mühe geben und nur Standart abliefern
  • Wie gehe ich mit meiner Krankenversicherung um, die mit allen Mitteln versucht, sich bei einer Vielzahl von Rechnungen vor der Bezahlung zu drücken. In all ihren Broschüren stellt sie sich da, als läge ihr das Wohl ihrer Versicherten am Herzen. Eine glatte Lüge. Anfangs bin ich am Telefon regelrecht ausgeflippt. Mittlerweile gehe ich mit diesem verachtenswertere Verhalten gelassen und dennoch zielgerichtet um.
  • Seit drei Jahren habe ich nun ein Lympfödem im rechten Bein. Dranbleiben, um eventuell doch eine signifikante Verbesserung zu erreichen, ist mühselig. Kein Arzt kümmert sich drum, geschweige denn er hätte eine Idee. 
  • Abbruch der schulmedizinischen Behandlungen und die Entwicklung eigener Wege?
  • Was hilft mir noch? Was kann ich noch tun, um meine Gesundung voranzutreiben? So viele Ratschläge und Empfehlungen von lieben Freunden. Dafür offen sein und dennoch einzugrenzen. gar nicht so einfach!
  • Und so vieles mehr………………..

Damit gelassen und souverän umgehen.  Eine echte Herausforderung.  Peu à peu gelang es mir.

Im Laufe der Zeit begriff ich, dass es eine Leitschnur gab, die mir half, Orientierung zu finden. Ich hatte gelernt, wie wesentlich es ist, mich wohlfühlen. Dieses „mich innerlich wohlfühlen“ trägt, das sagen auch viele Studien, als ein wertvoller Bestandteil zu meiner möglichen Genesung bei. Wenn man Krebs hat, gibt es zwei grundlegende Betrachtungsweisen im Umgang mit dieser Krankheit. Die eine würde ich  als „nicht sterben wollen„, und die andere als „leben wollen“ bezeichnen. Ich sehe diese beiden Sichtweisen als die zwei Seiten einer Medaille. Sie gehören zusammen, und können doch nicht unterschiedlicher sein. Mir war immer klar, dass „leben wollen“ ein kraftgebender Ansatz , während dies „nicht sterben wollen“ eher ein Nährboden für Furcht und Schrecken ist.  Bis auf ganz wenige Zeiten ist es mir gelungen, in diesem wunderbaren Gefühl des intensiven Lebens zu bleiben. 

Mittlerweile hat sich, ausgehend von dieser schrecklichen Krankheit, ein sehr schönes, sehr intensives Leben entwickelt.  So viel mehr als zuvor!

Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Doch in der Gegenwart ist es schön.  Das ist in gewisser Weise mein Werk!  So mache ich weiter…… 

 

Alles Liebe für Euch!