Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 69

MIT  DEM SEGELBOOT ÜBER DEN ATLANTIK

Diese Reise war eine der intensivsten Erfahrungen meines Lebens. Für den Rest meines Daseins werde ich mich erinnern und davon profitieren. Schon jetzt, während ich diese ersten  Zeilen schreibe, kehrt alles zurück: so viele Bilder, Situationen, meine Gefühle. Ich habe beschlossen, das während der Reise  geführte Tagebuch in weiten Teilen in diesem Blog zu veröffentlichen. Der Einfluß, den diese Zeit auf mein Leben und damit auch auf meine Heilung hat, ist schwierig in Worten auszudrücken. Am besten ich fange einfach mal an……….

Es ist Dienstag, der 20.November 2018. Ich sitze im Flieger von Hamburg nach Gran Canaria. Nach der Landung werde  ich mit dem Taxi in die Marina fahren und  quartiere mich  in die „Peter von Seestermühe“, unserem Schiff, ein. Bin gespannt, was für eine Koje ich haben werde.
Fühle mich nicht richtig wohl, aber auch nicht richtig schlecht. Eine Stimmung, die ich gut kenne. Leichte Unsicherheit ob meiner Position und Rolle an Bord. Habe sehr wohl einige Situationen mit unserem Skipper  im Kopf. Damit meine ich seine  überzogene Reaktion  während der Aal-Regatta anlässlich der Kieler Woche. Das  wirkte immer noch  in mir. Ich war wie alle anderen auch, schon vorher einmal mitgesegelt,um die „Peter von Seestermühe“ genauer kennenzulernen. Dies war  für alle Mitsegler die Voraussetzung für die Teilnahme an dieser Atlantik-Überquerung . So segelte ich eben während der Kieler Woche einige Tage mit und erlebte den Skipper grenzüberschreitend. Mir ist klar, dass es nichts mit mir persönlich zu tun hatte. Vielmehr zeigte sich bei ihm ein Verhalten, dass wohl schon öfter da war. Nicht umsonst sprach Hanneke, eine erfahrene Seglerin auf de Peter von Seestermühe, davon, dass es klug war, sich während der Regatta auf dem Vorschiff aufzuhalten. Sie wusste anscheinend, dass die Leute im Cockpit einiges abbekommen würden, wenn er angespannt  und unter Strom stehenden  würde. So war es dann auch.  Na mal sehen, wie es wird . ??
Ob ich alles eingepackt habe? Vielleicht  zu viel?!  Gerade meine übliche Meditation gemacht. Tat, wie meistens, gut. Neben mir sitzt ein Ehepaar, denen die vielen Zigaretten anzusehen sind. Tätowierungen, Goldketten. Nur gut, dass es keinen Raucherbereich mehr gibt. Sind eher unfreundlich und wortkarg. Sie liest im E-Book, er macht nichts. Verlebte Gesichter.
Vorhin, am Gate noch viele Nachrichten geschrieben.  Gute Reise-Wünsche, geschäftliche Dinge. Schnell und konzentriert. Wollte alles erledigt haben, wenn es losgeht.  Alles geschafft.
Sehe immer noch Suse, wie sie bis zum letzten Augenblick Hamburger Flughafen  vor der Security stand und wir unsere Blicke hielten. Dann war sie weg und ich ging allein. Sie fehlt mir. Jetzt schon.
Wir waren uns so nahe.

Noch 75 Minuten Flugzeit, ich habe beschlossen, dieses Reisetagebuch ganz ausführlich zu führen. Mein Vorhaben erscheint mir als so etwas Besonderes, dass ich es dadurch entsprechend würdige und später immer wieder nachlesen kann. Komischerweise versinken doch auch die eindrücklichsten Begebenheiten, zumindest teilweise, im Vergessen.
Höre gerade Rammstein. Unglaubliche Musik. Welche Macht von ihr ausgeht! Nächstes Jahr im Sommer fahren wir nach Berlin zu einem  Rammstein-Konzert. Buntes Leben.
Jetzt höre ich, da ich Musik im I-Phone auf Zufall gestellt habe, die Rede von Susannes Bruder Thomas anlässlich des 50. Hochzeitstages seiner Eltern.  Schön! Wie lange haben Suse und ich ? Ich hoffe noch viele Jahre. Eine lange, intensive und liebevolle Reise soll es sein. Im Grunde ist Suse für dieses Abenteuer verantwortlich. Dieser Traum, über den Atlantik zu segeln, begleitet mich bereits eine lange Zeit. Doch irgendwie war es mehr ein Vorhaben, das immer in der Zukunft, doch nie konkret in der Gegenwart zu liegen schien.
Letztes Jahr im Sommer meinte ich, wir standen in der Küche, dass ich, wenn ich wieder gesund sein würde, über den Atlantik segeln würde. Quasi als Anreiz und Belohnung. Sie erwiderte, und es kam wie aus der Pistole geschossen, „mach’s vorher“. Mir war sofort klar, was sie meinte: nämlich mich ausschließlich auf die Gesundung zu konzentrieren und das geile Gefühl des Segelns dafür zusätzlich zu nutzen. Es dauerte eine ganze Zeit, mich von meiner Zielvorstellung zu lösen und ihre zu übernehmen.  Wer weiß, ob ich es jemals realisiert hätte. Doch nun ist es Realität und am Sonnabend geht es los. Danke Suse! 😘😍🙏🏼
Nun mache ich das Beste daraus. Täte ich es nicht, dann wären diese 4 Wochen der Trennung von Suse nicht anderes als eine überflüssige Qual.

21.November 2018

Bin mittlerweile auf der „Peter v. Seestermühe“. Es ist 17.45 h, ich liege auf dem Vorschiff in der Hängematte und will mal ein wenig weiterschreiben. Strahlender Sonnenschein nach dem wohl schlechten Wetter der letzten Zeit. So war es auch schon gestern. René, der weißgekleidete Taxifahrer, holte mich wie bestellt am Flughafen ab, und nach 20 Minuten war ich am Schiff. Der Empfang von Hanneke war sehr herzlich, der von Christoph eher etwas unterkühlt. Irgendwie können wir nicht recht miteinander. Ich fühle mich unsicher. Beim Abendessen in einem Restaurant nahm ich mein Handy und schaute etwas nach. Als er es sah, sagte er vor allen Leuten, es wäre vereinbart, dass wenn wir in unser Handy schauen würden, dann doch nach draußen gehen sollten. Nichts dergleichen war vereinbart! Ich denke, wie ich das im Restaurant handhabe ist meine Angelegenheit.  Dennoch verspüre ich eine gewisse Angst vor ihm.   Das beschäftigt mich sehr, schon vor der Reise und auch jetzt wieder. Mir ist klar und absolut deutlich, dass mich genau dieses Gefühl schon  während meiner Kindheit begleitet hat. Angst, wenn Großvater da war, Angst vor Schlägen, hoffen, alles richtig zu machen und zu bangen, dass er gute Laune und damit nett, zugewandt und entspannt war. Und Christoph mit seiner „Du bist klein-No Diskussion“ Art triggert mich.  Meine wichtigste Aufgabe wird sein, damit  klar zukommen, also meine innere Souveränität zu entwickeln.

 

 

Montag, der 26.November 2018
Wir sind unterwegs. Vorhin haben wir Delphine gesehen. Auf einmal,  5 Stück. Mit rasender Geschwindigkeit umschwärmten sie den Bug der Peter von Seestermühe.  Sie spielten, mal zu zweit, dann zu dritt oder auch alle.  Hin und her, springend und die Seite des Schiffes wechselnd. Und so plötzlich wie sie aufgetaucht waren, verschwanden sie auch wieder. Kaum 10 Minuten waren vergangen.

Gestern, den 25. November 2018 war um 13h der  Start. Ein beeindruckendes Bild, wie alle Segelboote zunächst den Hafen verließen. Eine schier endlose Phalanx , die von den Zuschauern auf den Molen an der Hafenausfahrt verabschiedet wurden. Ich war aufgeregt und hatte Herzklopfen. Es war vorgeschrieben, dass alle den Hafen unter Motor zu verlassen hatte. Das einzige Boot, das unter Segeln den Hafen verließ waren wir! „Ein wenig Piratentum muß sein!„, meinte unser Skipper. Cool.
Das ganze Team in einheitlichen, blauen T-Shirts und roten Capps, stellten wir uns erst an Backbord dann an Steuerbord in einer Reihe auf und verabschiedeten uns von den Zuschauern.
Draußen dann die Parade der Race-Yachten, der Svans, der Oyster usw.  Und wir mit unserem schönen Klassiker mittendrin. Beim Start wird es dann hektisch, so viele Leinen und Segel. Spinnaker, Genua, Fock, Groß, Besan und Besanstagsegel.  Gut 35 verschieden Leinen. Christoph und Hanneke sind hektisch und kritisieren schnell. Dennoch machte es Spaß. Herzklopfen, alle in Aktion und schlussendlich doch gutes Gelingen.
Wir waren gestartet zu unserer Atlantiküberquerung!!
In diesem Augenblick der allgemeinen Begeisterung dachte ich urplötzlich an den November 2015 und die damalige Prognose : UNHEILBAR.   Und nun drei Jahre später befinde ich mich an Bord einer Segelyacht, um im Rahmen einer Regatta den Atlantik zu überqueren. Ich brach in Tränen aus, hatte einen richtigen Weinkrampf. Konnte mich gar nicht wieder beruhigen. Alles stürmte auf mich ein, die Erinnerung an meine Ängste, die vielen Mühen, der ganze Weg, den ich bis hier zurückgelegt hatte. Meine Suse, ohne die ich es wohl kaum geschafft hätte. Gerade in diesem Moment fehlte sie mir geradezu unerträglich.  Glück und Leid waren in diesem Zeitpunkt vereint. Alle kümmerten sich rührend um mich, nachdem die erste Unsicherheit, was den mit mir los sei, sich aufgeklärt hatte. Später sagten mir viele, als wie gut sie diesen emotionalen Ausbruch empfunden hatte. Hanneke meinte: „Für mich das Highlight dieser Reise.“
Ich blieb, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, sehr still und war sehr erschöpft.

Das Feld der Segler zog sich schnell auseinander. Wir steuerten einen eher südlichen Kurs, entlang der afrikanischen Küste. Christoph hatte so entschieden, da er fürchtete, dass wir auf direktem Weg gen Westen in ein großes Schwachwindgebiet reinsegeln würden.  Wie sich heute zeigt, eine gute Entscheidung.  So sind wir unter Spi, mit einigen Halsen, die ganze Nacht durchgesegelt. Am Nachmittag dieses ersten Tages erfolgte dann auch die Wacheinteilung mit Hanneke, Christian, dem jungen dänischen Bootsmann und mir als Wachhabenden.. Ab 18h wird nun in dreistündigem Wachrythmus gesegelt. Die erste Wache also bis 21h, die zweite bis 24h und die dritte, das war meine erste Wache, von 0 – 3h.  Unter grandiosem Sternenhimmel mit wirklich Millionen Sternen und anschließendem Vollmond segelten wir die Nacht durch.
Ich war dennoch  angespannt, wusste ich doch, dass das Steuern schwierig ist und meine Aufgaben als Wachhabender relativ unkonkret waren.  Doch es lief alles gut und nach anfänglich schlechtem Steuern hatte ich es dann raus. Um 3 Uhr morgens dann ziemlich müde und erschöpft habe ich dann  schlecht geschlafen. Die Bewegungen des Bootes, meine schmale Koje und auch der Druck, alles richtig zu machen, sorgten für unruhige Stunden.
Montagmorgen, der erste volle Tag auf See. Alles spielt sich ein. Immer zwei Leute sind für „Backschaft“ eingeteilt. Neben ihrem normalen Wachdienst machen sie das Frühstück, waschen dann ab, putzen die Kajüte und die Toilette, sorgen dafür, dass immer eine gefüllte große Thermoskanne Tee bereitsteht. Mittags machen sie einen Salat oder ähnliches für alle. Dann wieder abwaschen. Nachmittags Kekse und Kaffee. Wieder abwaschen. Um 8 Uhr abends dann warmes Abendessen. Zum letzten Mal an diesem Tag abwaschen. Echt harte Arbeit. Gegessen wird morgens in der Kajüte. Mittags und nachmittags  dann alle zusammen im Cockpit und abends wieder in der Kajüte. Das Ganze immer für 2 Tage hintereinander und dann wird gewechselt. Es gibt einen „Backschaft-Plan. Ich war gleich am Anfang im Hafen dran.  Da sind wir abends jeweils essen gegangen. Glück gehabt.  Na ja, später komme noch mal dran.
Den ganzen Tag unter Spi gesegelt. Knapp 5 Windstärken.  Durch die Wellen von hinten gilt es tierisch achtzugeben, auf Kurs zu bleiben. Um 9h morgens dann der nächste Wachdienst.  Unsere Wache besteht aus Alex, dem 49-jährigen Urologen aus Eppendorf und Klaus, dem 68-jährigen Juristen im Ruhestand aus Holland. Wir funktionieren gut zusammen.

Klaus redet sehr viel und vergisst manchmal, dass es auch etwas zu tun gibt. Doch er ist  bisher von uns dreien der beste Steuermann.
Mittwoch, 28. November 2018
Viel passiert. Unsere Wache, die sogenannte Hundewache, ging von 3 – 6 Uhr. Als wir rauskamen war gerade Hektik an Bord. Es sollte gehalst werden. Windstärke 5. Alles in gleißendem Mondlicht! Ein surreales Bild.  „Peter, geh ans Steuer. Kurs 270.“ Ich schaffte es nicht, den Kurs zu halten.  Abweichungen von bis zu 30 Grad in beide Richtungen. Christoph sah es sofort und löste mich ab.  Ich hatte auch sofort eingeräumt, dass ich schlecht steuern würde und es nicht schaffte. Stress!!
Die restliche Zeit, nachdem die Manöver beendet waren, steuerte Klaus. Und er machte es viel besser. Christoph kam immer wieder raus, da die Bedingungen mit dem Spi, den Wellen und dem vielen Wind wirklich schwierig wäre. Erleichtert und erschöpft ging es um 3 h ins Bett. Wiederum unruhig und wenig  geschlafen. Schlechte Träume. Bis jetzt erst ab und zu das reine Vergnügen

Morgens nach dem Frühstück um 9h die nächste Wache.  Ich hatte beschlossen, die kompletten 3 Stunden zu steuern, um es endlich zu lernen. So war es dann auch. Ich begriff und fühlte, dass es sich mit kleineren Bewegungen und schnellerem Ausgleich wesentlich genauer steuern ließ. Hohe Konzentration, ohne Unterlass   Am Ende der Wache, schnell noch die Einträge ins Logbuch und bis zum Mittagessen um 13.30 in die Koje. Ausruhen.
Freiwache heißt, nichts tun müssen. Erst langsam begriff ich, wie wichtig es ist, sich zwischendurch immer wieder ins Bett zu legen und zu ruhen,  zu schlafen und auch meine Übungen zu machen. Suse fehlt mir sehr. Immer wieder lese ich gerade ihre letzte Nachricht und schaue Bilder von ihr an.
Nachmittags dann helle Aufregung. Wir haben eine große Dorade gefangen. Seit Montagmorgen schleppen wir zwei Angelleinen hinterher. Nun zwei Fische, die gleichzeitig angebissen hatten. Während die eine Angelschnur leider riss, konnte die andere über Hand eingeholt werden. Am Ende dieser wunderschöne, große Fisch.  Ganz schlank, goldgelb, mit Zacken. Auf mich wirkte er wie ein edles Rennpferd. Komisch, aber so empfand ich es. Mit dem Bootshaken wurde er reingeholt und dann, das hatte ich  noch  nie gesehen, wurde ihm etwas Rum in den Hals geschüttet. Er war sofort ruhig und Christian, unser dänischer Bootsmann, tötete ihn schnell. Das ganze Heck war voll Blut.  Christoph nahm ihn aus und schnitt die Filets heraus. Abends gab total leckeren Fisch. Mehr als genug für alle. Beste Stimmung.
Wir hatte Wache von 21h bis Mitternacht.  Der Wind nahm immer weiter zu, und das Steuern mit dem Spinnaker wurde immer schwieriger. Ständig verlor er den Wind, fiel ein, versuchte sich um das Vorstak zu wickeln. Christoph kam mehrmals hoch, wenn wir Schwierigkeiten hatten.  Ich übernahm dann und konnte das, was ich mir am Vormittag angeeignet hatte, direkt umsetzten. Endlich blieb er stehen und wir segelten in stockdunkler Nacht mit brausender Fahr. Doch nach einer Stunde war ich mental komplett fertig und verlor zunehmend die Kontrolle. Alex steuerte für den Rest der Zeit. Immer wieder überlegten wir, Christoph zu wecken und zu fragen, ob der Spi nicht runter solle. Wir taten es nicht, doch um Mitternacht, dem Ende unserer Wache, kamen Christoph und Hanneke und sagten, wir sollen oben bleiben, um mitzuhelfen, den Spi zu bergen und stattdessen den Klüver zu setzen.  Gerade als es losgehen sollte flog der Spinnaker am Kopfbrett beginnend aus den Lieken und ging komplett  ins Wasser!
Alle Mann zogen und zerrten ihn aus dem Wasser. Nachdem er geborgen war, ging es ans Aufräumen des Leinenchaos an Deck und das Setzen des Klüvers.  Zwischenzeitlich war die dabei wichtigste Person, Christoph, ausgefallen, weil er sich mehrmals übergeben musste. Der Fisch vom Abendessen? Hanneke hat das Kommando  prima übernommen.
Nach einer Stunde ging es dann ins Bett. Keiner konnte sofort einschlafen.
Wecken am nächsten Morgen um 5.45 für die nächste Wache von 6-9!  Kein Zuckerschlecken!
Ich hatte angenommen, der Spi wäre komplett kaputt, doch Christoph meinte beim gemeinsamen Frühstück, es wäre nicht schlimm. Das ließe sich gut reparieren, und außerdem hätten wir ja noch zwei Spinnaker.  Irgendwie gut, ihn zu reparieren, denn ich kann nicht einschätzen, wie es ihm finanziell geht.  Zumindest ist deutlich, dass er auch schwierige Zeiten hinter sich hatte.
Wir waren erstmal froh, ohne spi zu segeln
2. Dezember 2018
Die Tage sind einförmig und dennoch nie langweilig.  Geprägt durch die Wachen und deren Wechsel, die gemeinsamen Essenszeiten, Wäsche waschen, eigene Salzwasser-Duschen und dem Schlafen, miteinander reden und auch den eigenen Zeiten. Stundenlang kann ich in der Sonne liegen und das Meer beobachten. Ich brauche kein Buch, keine Musik, nur die sich bewegende See.

Die letzten beiden Tage bestanden bei mir aus Wache (Freitag: 3h -6h  ;   12h -15h;  21h-24h;  dann Sonnabend  6h -9h;  15h-18h;  21h-24h), außerdem Backschaft am Freitag von 7h- 10h von 12h-14h, von 16h-17h und von 19h-22h. Sonnabend genau das Gleiche. Jede Minute dazwischen nutze ich zum Schlafen. Glühende Hitze in der Küche sowie die Bewegungen des Schiffes unter Deck bringen mich zum Schwitzen ohne Unterlass. Allen hat mein Essen, heute Guacamole, Gemüsepfanne mit Tandori und Kokosmilch richtig gut geschmeckt. Jetzt alles überstanden. Heute ist ein normaler Tag. Das Essen von gestern wurde gerade verdrückt. Dazu Salat und noch Bananen von unserer Staude vom Besanmast. Alex hat die Angel wieder ausgelegt.  Wir fangen viele Doraden, einige kleinere von 40 cm, aber gestern auch von 1 Meter. Alex nimmt sie aus. Eine elende Plackerei . Macht ihm wohl Spaß!!?
Gleich  gebe ich Frauke Reiki auf ihre verbrannte Hand und mit dem anderen Claus nähe ich meine Messertasche.
Heute Vormittag, ich saß gerade am Steuer, ist mit einem peitschenartigen Knall der Achterholer des Spinnakers gerissen. Kurze Hektik, dann Spi aus dem Wasser geholt, verpackt, Klüver gesetzt, neuen Achterholer eingeschoren, Klüver wieder runtergenommen, Spinnaker wieder gesetzt, alles aufgeklart. Fertig. Weitergesegelt. Kurs liegt jetzt genau aus St. Lucia. Hohe, wahrlich beeindruckende Dünung aus Norden. Sehr gute Stimmung!

Wir liegen auf Kurs „Karibik“ Saint Lucia

3. Dezember 2018
Heute Nacht um 3 Uhr hatten wir Wache. Als ich deshalb um 2.45 aufstand, putzte sich Christoph im Salon die Zähne und meinte, ich könne wieder schlafen gehen, er würde die Wache übernehmen. Auf mein Danke sagte er, ich danke ebenfalls. Also wieder in die Koje. Alex und Claus ließ ich schlafen. Noch einige positive Gedanken zum Thema Dankbarkeit und ich schlief bis 7.30. Herrlich. Übrigens: Christoph ist dann die ganze Wache allein gesegelt. Dabei hat er den Kompass mit seiner Jacke abgedeckt, die Geschwindigkeitsanzeige (Logge) ausgeschaltet und ist nur nach den Sternen gesegelt. Beeindruckend ! Er meinte am Morgen: „So bin ich eins mit mir, dem Schiff und dem Universum!“ Ich verstehe ihn
Nach dem wie immer leckeren Frühstück, Müsli und eine Scheibe Brot mit Käse und Tomate, verbunden mit meiner Frage „Wer teilt sich mit mir eine Tomate?“, bestaunte ich die immer größer werdende Dünung aus Norden. Wahre Berge in langen Ketten. Von Kamm zu Kamm 400 m Entfernung. Eine Zeitlang waren wir in der Nähe einer italienischen Grand Soleill 43. Ein seltener Anblick. Sie lag vielleicht 1 km vor uns. Wir optimierten die Segelstellung, machten an Bord Klarschiff und hofften nun , sie einzuholen, um uns dann gegenseitig zu photographieren. Leider fiel sie ab, sodass wir sie verpassten.

Näher kamen wir nicht heran….


Der kaputte Spi soll wieder zusammen genäht werde. So ist der Plan von Christoph. Kann ich mir gar nicht vorstellen.  Der ganze obere Teil ist komplett abgerissen. Auch sonst ist er stark beschädigt. Insbesondere alle vier Lieken sind ausgerissen.Er fragte, ob wir uns daran beteiligen würden. Habe sofort zugestimmt.  Will wissen, ob das geht und wenn ja, wie. Zunächst haben Hanneke und ich überall, wo die Rissstellen sind, alle Fusseln abgeschnitten. Stundenlang. Auch bei dieser eher öden Tätigkeit machte es Spass, im Team zu arbeiten. Hilfsbereitschaft und gegenseitige Unterstützung erleben wir alle zu jeder Zeit und jeder Gelegenheit. Ich fühle mich damit sehr wohl. Bin Teil eines tollen Teams. Später fingen wir an, den zerrissenen Spi zu reparieren. Erschien mir unmöglich, dies mit Bordmitteln zu bewerkstelligen. Doch natürlich hatte auch hier Christoph eine genaue Vorstellung, wie dies geschehen sollte. Die zerfetzten Ränder wurden begradigt, mit den Lieken zusammengelegt und mit einem Edding gekennzeichnet. Danach fing auch ich an zu nähen, stellte mich dabei allerdings eher ungeschickt an. Dreimal habe ich mich mit der Nadel richtig gestochen. Spaß macht das nicht. Habe mir dennoch vorgenommen, weiterhin mitzumachen, denn lernen tue ich dabei eine ganze Menge.

Alle nähen zwischendurch mit.


Heute ist Bergfest. Mehr als die Hälfte der Strecke haben wir zurück gelegt! Unglaublich!!
Auf dem Tracker lässt es sich genau verfolgen. Wir sind mitten auf dem Atlantik. 2500 km Wasser hinter uns, 2500 km Wasser vor uns und 5 km Wasser unter uns. Ein tolles Bild. Heute Abend gibt es eine Lammkeule. Zur Feier des Tages.  Wir sind gespannt, ob es ein Glas Wein oder ein Bier dazu gibt. Reise, Reise  wurde gerade ausgerufen.
Und es gab zum Essen Rotwein! Für jeden , wie Christoph sagte, ein homöopathische Dosis. Genau ein Viertel Glas!  Danach fühlte ich mich etwas betrunken.  Gibt’s gar nicht, und doch war es so. Marcus ging es ähnlich, die anderen spürten nichts.  Schönes Abendessen bei guter Stimmung. Schlafen bis zur Wache um 21h. Sternenhimmel und Sternschnuppen. Habe mir schöne Dinge gewünscht.  Um Mitternacht zu Bett, die nächste Wache dann wieder um 6h morgens.  Es wird mehr zu steuern sein, da Alex für die nächsten 2 Tage Backschaft hat und deswegen nur zeitweise beim Steuern dabei sein kann. Während der Nacht bockte das Schiff wie verrückt. Schlafen ist schwierig. Auf der Seite liegen geht hier gar nicht. Da das Bett so schmal ist, kann ich mich nicht abstützen. Zwangsläufig schlafe ich immer auf dem Rücken.
5. Dezember 2018
Gestern morgen beim Frühstück wollte ich von einem Artikel in der Süddeutschen erzählen. Christoph unterbrach mich sofort und meinte, ich hätte doch erzählt, ich würde nie Zeitung lesen. Als ich meinte, damit hätte ich sagen wollen, dass…..Er unterbrach mich wiederum und fragte, ob ich denn morgen wieder etwas anderes erzählen würde und man sich dann fragen würde, was denn überhaupt von meinen Erzählungen wahr sein würde . Ich war konsterniert und fühlte mich sehr unwohl. Auf meine Frage, wozu dieses Gespräch dienen würde, gab es keine  Antwort. Vielmehr ritt er weiterhin auf meinem vermeintlichen mal so mal so herum.  Betretenes Schweigen am Tisch.
Ich erzählte noch meine Geschichte von der Süddeutschen, war jedoch innerlich wie geschockt. Wieso versucht er, mich vorzuführen? Nach dem Frühstück zog ich mich in meine Koje zurück und machte ausführlich meine Übungen. Etwas beruhigter, oberflächlich gesehen. Christoph überzieht manchmal völlig. Weshalb macht er das bloß? Später sprachen Christoph und ich darüber, während wir zu zweit an dem zerrissenen Spinnaker nähte. Ich sprach darüber, wie schlecht es mir, mit seinem Verhalten gehen würde. Er meinte:“Verstehen könne er mich schon, doch eigentlich sei es doch ein Spaß von ihm gewesen“. Ich ritt nicht weiter drauf herum. Hauptsache war, dass ich es angesprochen hatte!  Darum ging es mir. In früheren Zeiten hätte ich eher ängstlich geschwiegen. Friedlich saßen wir dann zu dritt, Hanneke kam noch dazu, und ich erzählte meine Lebensgeschichte. Überhaupt lernten Christoph und ich uns immer besser kennen. Viele sehr offene Gespräche, teilweise sehr privat. Unsere Lebenslinien. Nicht immer einer Meinung. Gut so. Seine Aufgaben als Skipper erfüllt er in überragender Art und Weise. Höchste Kompetenz. Er hat alles im Blick und kümmert sich um alles.
Erstmalig segelten wie nicht mehr permanent unter Spi. Vorn sind die Genua und der Klüver jeweils mit einem Spi-Baum ausgebaumt. Das ist ein wenig langsamer, doch bei dem Wellen, die von schräg hinten, das Boot immer wegdrücken, ist das wesentlich stressfreier. Unter Spi muss man aufpassen wie ein Schiesshund. Nachts höchste Konzentration im Zustand von Müdigkeit. Dazu kommt, dass das Steuern oft in einem Korridor erfolgt. Immer wenn wir unter Spi und Besanstagsegel segeln, müssen wir darauf achten, nicht zu hoch zu steuern. Sonst fällt der Spi ein. Oft abrupt und schnell. Nachts oftmals schwer zu sehen. Segeln wir allerdings ein wenig zu tief, was für den Spi kein Problem wäre, fällt das Besanstagsegel zusammen. Zusammen mit den Wellen und starkem Wing eine Herausforderung. Ich glaube, Christoph hatte auch die Befürchtung, der zweite Spi könnte ebenfalls kaputt gehen. Na, auf jeden Fall ist es jetzt einfacher und wir sind alle froh darum.
Die Tage im einzelnen zu beschreiben ist nicht sinnvoll. Morgens um 8h ist immer Frühstück. Danach ist frei, wenn nicht gerade Wache ist. Nach dem Frühstück nach oben zu gehen und auf den blauen Atlantik mit seiner beeindruckenden Dünung zu schauen, die Schaumkronen, das Schiff und die wärmende Sonne wahrzunehmen, ist unbeschreiblich. Ich bin auf der Mitte des Atlantiks, sehe fliegende Fische, Delphine und lerne Stück für Stück dieses Schiff kennen. Intensität pur.


So etwas trägt zu meiner Gesundung bei!

9. Dezember 2018

Abend hatten wir die Wache vor Mittnacht von 18 – 21h   und anschließend die Wache von 3-6 Uhr. Das ist schon anstrengend genug. Bei der Hitze geht das Vorausschlafen nicht richtig. Alle haben die Decken aus den Bezügen genommen, denn auch nachts herrschen hohe Temperaturen.  Die Karibik kommt eben näher. Wir segeln wieder Tag und Nacht mit Spinnaker. Es besteht die reelle Möglichkeit die ARC zu gewinnen. Momentan ist Neumond und damit wirklich sehr dunkel. Entweder man starrt wie hypnotisiert auf den Kompass, der schwach rötlich leuchtet, oder aber man sucht sich einen Stern als Referenz-Punkt für den zu steuernden Kurs. In unserer Wache ist es üblich, mit demjenigen, der steuert nicht zu sprechen. Zu leicht verliert man den rechten Kurs.
Erste Wache, schöner Wind, 15 Knoten, relativ ruhiger Atlantik. Ging gut durch. In der Regel steuere ich dir erste halbe Stunde und danach jeweils Alex und Claus.
In der Wache von 3-6 h machten wir es ebenso.  Claus und ich hatten  urplötzlich eine kurze, aber sehr scharfe Auseinandersetzung. Details sind hier nicht wichtig. Nur so viel, dass ich in diesem Moment verblüfft und sehr verletzt war. Konnte ich mich verhört haben, spürte jedoch seine unglaubliche Wut und beschloss zu schweigen. Alex erzählte mir am Tag, dass er sehr wohl das gleiche vernommen hatte. Meine Entscheidung zu schweigen, es weder zu thematisieren noch auch sonst jemandem davon zu erzählen, war genau richtig. Zu was hätte es führen sollen?  Unsere Wachen liefen ab wie bisher. Es war auch wieder leichter zu steuern. Aber die Stimmung war nunmehr eine andere. 

12.Dezember 2018

Gestern Abend gegen 21h sind wir angekommen. Nach 15 Tagen und 9 Stunden! Die Stunden zuvor waren nochmals sehr intensiv. Wiederum unter Spinaler, dem größten, segelten wir in den Abend hinein. Alle hatten sich im Cockpit versammelt. Christoph steuerte. Schon einzigartig, wie er lässig er das macht. Viel Wind, ständig um 10 Knoten Fahrt, er redet viel, eine intensive Atmosphäre, Hanneke immer unten am Funkgerät und am Plotter, um im Kontakt mit der Regatta-Leitung den richtigen Einfahrtskorridor zu besprechen. Alle sind aufgeregt, das Ende unserer Reise  ist nahe. Freude auf die Ankunft, aber auch melancholische Trauer, dass nun ganz bald das Ende unserer Reise kommt. Zumindest bei mir.                                                                               An unserem Anlegeplatz in der Rodney Bay Marina, Saint Lucia empfing uns ein Empfangskomitee, mit Limbo-Spielern und einem Tablett mit Rum-Punsch. Wir umarmen uns, alle sind überdreht, der Alkohol tut ein übriges. Die halbe Nacht feiern wir, weiter mit Rum-Punsch, in einer Hafenkneipe direkt am Wasser. Sehr lustig, alle reden durcheinander und wir lachen ohne Unterlass. Ein Segler eines anderen Schiffes erzählt von miserablem Essen und fast durchgängig schlechter Stimmung  bei ihnen. Na, da haben wir wohl Glück gehabt. Bis auf wenige Situationen war die Kameradschaft bei uns ganz prima und das Essen hervorragend!

Am nächsten Morgen, es ist noch früh, ich sitze hinten an der Heckreling, habe gerade eine Orange gegessen, vorher, noch in der Koje, ausführlich meine Übungen gemacht. Endlich gut geschlafen. Nicht mehr dieser Schlaf der Erschöpfung, immer zu kurz oder dies nicht schlafen können, weil es einfach zu viel Bewegung des Schiffes gab. Eigentlich wollte ich jetzt in Ruhe schreiben, doch Christoph, Christian, Alex sind schon oben und räumen auf. Werde mich  beteiligen. Segel mit Süßwasser abspülen, alle Leinen ordentlich aufschießen, Schlauchboot aufpusten, Dingi ins Wasser, Kissen abspülen Spinnaker zusammenlegen usw. usw..
Dann endlich zum Strand. Florian hat uns, Alex und mich hingerudert. Falscher Weg, aber nach langer Ruderei sind wir angekommen. Schöne Bucht mit vielen ankernden Yachten davor. Ganz hinten am Ende war es noch so, wie ursprünglich es wohl überall gewesen ist. Kaum Liegen, keine Sonnenschirme, sondern nur MARIE’s BAR. Eine schäbige, bunte Holzhütte, wo Marie, eine enorm dicke, ununterbrochen redende Frau, über einem Holzfeuer Fische brät, mit Gemüse und Brotfrucht. Wasser sehr warm, eine halbe Stunde geschwommen. Endlich wieder Bewegung. Obwohl ich natürlich wie immer anfangs keine Lust hatte. In der Sonne geschlafen. Herrlich.

Auch schön. Segeln ist aber noch besser.

Später zum Dinghi zurück, habe ich dann Klaus und Alex zum Schiff zurück gerudert. Dort war endlich wunderbarerweise die ganze frisch gewaschene Wäsche bereits da. Welch ein Genuss. Alles weich und gut riechend. Schnell zum Café, mit Suse sprechen. Wie gut das tut. Ihre Stimme.  Wenn sie so erzählt, was alles zu tun ist, Eisschrank kaputt und andere Dinge, will ich schnell zu ihr und es ihr abnehmen. Weiß noch genau, wie sie mir von ihren Kämpfen mit Heizung und ähnlichem in ihrem Haus im Lerchenwinkel  erzählte. So ganz allein.

14. Dezember 2018.
Marigot Bay


Nach einer ruhigen Nacht in dieser wunderschönen Bucht liege ich wieder mal in der Hängematte auf dem Vorschiff. Sonne und Wolken wechseln sich und ein stetiger, wärmer Wind umschmeichelt mich.
Gestern nach der Ankunft in dieser wunderschönen Bucht, wir waren nur mit Klüver gemütlich die Küste entlang gesegelt, war ich zum ersten Mal wieder eine ganze Stunde schwimmen. Anschließend sind wir mit dem Schlauchboot und einem stotternden Außenbordmotor zu einer Strandbar gefahren, um einen Sundowner zu nehmen.  Habe alle eingeladen. Hatte Lust, ein kleines Signal von Dankbarkeit zu senden. Leider ist es hier schon relativ vollgebaut. Dennoch lässt sich sehen, weshalb hier ein Teil eines James Bond Films gedreht wurde.
Zurück wurde dann gerudert, von Hanneke.. Der Motor sprang gar nicht mehr an. An Bord dann die Vorbereitung des Abendessens. Wir waren zu dritt, Alex als Chefkoch, Frauke und ich.  Lammkoteletts mit Zucchini und Knoblauch-Kartoffelsalat. Und als Krönung Rotwein.. Gegessen wurde in der Kajüte, danach saßen wir noch lange im Cockpit zusammen. Auch die vierte Flasche Rotwein wurde noch geleert. Später herrliches Schlafen im sich sacht bewegenden Schiff.
Vorgestern waren wir abends auf der TITANIA, einer SVAN 64, eingeladen. Eine Einladung an alle Mannschaften der teilnehmenden SVAN’s und eben an uns, weil es scheint, dass wir nicht nur unsere Division sondern  „over all“ gewonnen haben. Was für eine Yacht! Kann ich nicht beschreiben, einfach edel und schön in Vollendung. Dazu gute Getränke und Pizza.  Habe mich lange mit Manfred, dem 82 jährigem Eigentümer einer Oyster 825 unterhalten. Ein echter Typ, knorrig, interessiert, lebendig. Er erzählte seine Lebens-und Seglergeschichte.  Seine erste SVAN 48, neu gekauft. Wir verstanden uns von Anfang an. Ich hatte mir sein Schiff am Tag vorher angeschaut. Oyster, SVAN , alles unglaublich. Mal segeln? Gern. Besitzen? Nein. Jedenfalls nicht diese Größe.  Mal sehen.
15. Dezember 2018
Gestern Nachmittag ging es zurück an den vorgelagerten Strand vor der ARC-Marina. Wieder geankert. So schön es alles ist, so ist doch die Luft raus, wie Holland-Klaus ganz richtig bemerkte. Schlafen und lesen in der Hängematte. Der Bericht der damaligen „Peter von Danzig“, jetzt Peter von Seestermühe, als Teilnehmer des Whitbread-Race um die Welt. Unvorstellbare Anstrengungen und Strapazen bei fürchterlichen  Stürmen und schrecklichen, engen und primitiven Bedingungen an Bord. Dagegen ist unsere Reise wahrlich der reinste Kindergeburtstag gewesen.
Abends dann mit den beiden Beibooten an den Strand zum dortigen Restaurant „Spinnaker“. Die beiden Beiboote waren mit einer Leine verbunden, so dass das Schlauchboot mit Motor das kleine Dinghi gezogen hat. Das war, im Dunkeln, eine extrem kipplige Geschichte. Ich sah mein Handy schon im Wasser. Bei der Anlandung schmiss uns eine hohe Welle direkt auf den Strand. Wir alle wurden etwas nass. Das Restaurant  schön gelegen, karibische Musik, a la carte oder BBQ. Ich habe Fisch vom BBQ genommen. Superlecker. Leider sehr laut, sodass eine Unterhaltung am ganzen Tisch unmöglich war. Anschließend wieder wackelige Rückfahrt und ein gemeinsames Nachtbier im Cockpit.
Am Samstag dann die ersten Beiden, die abfahren. Das Schiff bleibt sozusagen auf Reede und wir fahren wieder mit zwei Dhingis in den Hafen. Hammer-Klaus und Alex fahren weg. Es geht nun auf den Rest. Wir anderen leihen uns einen Wagen und fahren über die Insel. Ein toller Ausflug. Erst jetzt erschließt sich uns die Schönheit von St. Lucia. Wuchernder Pflanzenwuchs, Berge, immer wieder von der Straße das Meer, bunte Häuser in kleinen Orten.

So wie ich mir die Karibik vorgestellt habe. Überall Musik. Karibik-Rock in teilweise unvorstellbarer Lautstärke.  Autos als fahrbare Lautsprecher, die sich in einer Straße mit ihrer Musik gegenseitig Konkurrenz machen. Unerträglich , aber nicht für die Einheimischen.  

Holland-Klaus ist die ganze Zeit gefahren, Linksverkehr, teilweise war er soweit links, dass ich immer wieder echt fürchtete, er würde in den Abwasserkanal fahren. Wir haben wieder einen guten Draht. Als wir alle in einem schönen, bunten Restaurant zu Abend aßen, sprachen wir über die verschiedenen Wachen während der Überfahrt. Bei uns lief es wohl am besten, und Klaus meinte dabei, dass ich es sehr gut gemacht hätte, auch eine schwierige Situation gut gelöst hätte.  Ich wusste, was er meinte. Sehr schön.  Ach, und dann sagte er noch in der Runde, dass er sehr viel von mir halten würde. Na prima.  Die Anderen waren mit ihrer Wache nicht immer glücklich. Kann ich mir gut vorstellen.  Abends dann noch hinter der Marina auf einem karibischen Familienfest gewesen und draußen an großen Tischen den leckersten Fisch der ganzen Reise gegessen. Man muss sich nur trauen.  Viel besser als dieser Touristenscheiss !
Sonntagmorgen das letzte Backschaft und letztes gemeinsames Frühstück.  Sachen zusammen gepackt. Langes Gespräch mit Christoph in einem Kaffee. Wir sind uns echt näher gekommen. Meine Art des Umgangs mit ihm hat funktioniert.  Er hat mir zum wiederholten Male sein Herz ausgeschüttet. Würde mich freuen, wenn daraus eine Freundschaft entstehen würde.
Bin dann mit seinem Fahrrad und meinem Gepäck in das Hotel gefahren, dass ich für einen Tag gebucht hatte. Einfach aber im Vergleich zum Schiff bequem mit viel Platz.
Das mit dem Fahrrad war ein netter Zug von Christoph, denn so konnte ich noch losfahren und ein wenig einkaufen. Mit meiner Fußhebe-Parese wäre das doch mühselig gewesen. Nachmittags noch am Strand und abends wiederum sehr nett und sehr lecker mit Frauke essen gewesen. Garlic Shrimps in einem einheimischen Restaurant.
Lange geschlafen, Sachen nochmals sortiert und gepackt, noch auf einen Kaffee mit Christoph in die Marina, ihm sein Fahrrad gebracht. Dann mit dem Taxi zum Flughafen in den Süden. Zwei Stunden Fahrt, glücklicherweise nicht die viel befahrene Hauptstraße sondern mitten über die Insel auf Nebenstraßen. Tolle Fahrt. Einfach wunderschön. Ankunft um 13h. Leider machte der BA-Schalter erst um 17h auf. Und ich mit meiner sehr schweren Tasche!  Mein Plan war ursprünglich, das Gepäck abzugeben und dann zu Fuß zu einem neben dem Flughafen liegenden Strand zu laufen. Nun also mit dem Gepäck. Das war grenzwertig anstrengend. Brutale Hitze. Am Strand dann aber sehr schön, Coconut Bay.  Der Rückmarsch stand mir bevor. Doch nach der Hälfte der Strecke hielt ein alter Toyota-Bus und der Typ fragte, ob er mich mitnehmen soll. Ich antwortete: No more EC-Dollars. War ihm egal, er nahm mich mit und da er sah, wie durchgeschwitzt ich war, bot er mir an für mich noch eine Flasche Wasser zu kaufen.  Wie nett ist das denn?

Jetzt bin ich fast zu Hause, im Flieger nach Hamburg.  Ich freue mich so.
Die Reise, ein echtes Abenteuer, ist zu Ende.  Wie gut, dass ich es gemacht habe!!!!

Suse, ich komme! 😍

Fazit:

Letztlich war es so schön, nein schöner, wie ich es mir erträumt, gewünscht hatte und gleichzeitig so anders. Diese Zeit war Balsam für meine Seele und eine Wohltat für meinen Körper. Regelmäßig habe ich diszipliniert meine mentalen Übungen gemacht und die ganze Zeit sehr auf meine Ernährung geachtet. Meine Absicht war es, mich sehr reflektiert im Team einzugeben. Ich glaube, es ist mir gelungen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, wie anstrengend es sein würde. Den Raum, den die Wachen einnehmen würden, hätte ich völlig unterschätzt. Den Stress des Steuerns, auch die körperliche Anstrengung, immer wieder gegenzusteuern.  Halbstündlich zu wechseln, war goldrichtig. Selbst nach dieser halben Stunde war ich oft schweißgebadet.  Es hat mir Spaß gemacht, für die Wache die Verantwortung zu tragen. Auch wenn sich dies mit der Zeit verwischte und wir mehr und mehr ein Team wurden. Ein wesentlicher Faktor war meine Entscheidung, den verbalen Aussetzer von Klaus unkommentiert stehen zu lassen. Obwohl die direkte Zeit danach doch ziemlich verkrampft war, dies fiel sogar anderen auf, war doch ein Bemühen von uns beiden zu spüren, zu der vormaligen Entspannung zurückzukommen. Was dann ja auch gelang. Den Dialog mit Christoph habe ich gesucht. Trotz oder gerade wegen meiner Ängste. Das war ein wesentlicher Schritt für mich.
Völlig unterschätzt habe ich die Backschaft. Noch in Hamburg machte ich mir vor allem Gedanken darüber, was ich wohl kochen könne. Christoph hatte uns bei dem Kennenlerntreffen im Februar mit auf den Weg gegeben, ein Gericht für unsere Backschaft-Zeit zu beherrschen. Und bitte nicht alle Spaghetti Bolognese! Schade, gerade Spaghetti Bolognese kann ich wirklich gut. Schlussendlich gab es kein Mal Spaghetti Bolognese!  Jeder hatte sich diese Aufforderung zu Herzen genommen. Doch wie unglaublich anstrengend diese Backschaft dann wirklich gewesen ist, davon hatte ich keine Vorstellung. Ich war einer der wenigen, die vor dem Beginn, noch in Gran Canaria einmal und dann während der Reise zweimal Backschaft hatten.  Während es im Hafen noch ziemlich moderat abging, eben kochen, Tisch decken, abwaschen, aufräumen und unter Deck sauber machen, war dies doch auf See eine gänzlich andere Nummer. Die enormen Bewegungen des Schiffes, verbunden mit der immer größer werdenden Hitze unter Deck und gleichzeitige Wachen, machten es zu einer  wahrlichen Strapaze. Ich hatte mir beschlossen , nichts als zu viel zu empfinden und egal was kommt, alles mit vollem Einsatz zu machen. Also rutschte ich morgens nach dem Frühstücksabwasch auf Knien durch das lange Schiff, fegte alles mit Handfeger und Kehrblech aus, jede Ecke, um dann mit einem Lappen, mit Essigreiniger getränkt, auch noch den Boden nass aufzuwischen. Das machten nicht alle. Doch ich wollte es richtig machen. Dazu gehörte auch die sorgfältige Reinigung von Toilette und dem kleinen Waschraum. Doch auch das Kochen auf dem Herd für 10 Personen, den Tisch so zu decken, dass nichts herumfliegt und insbesondere der Abwasch mit lauwarmen Meerwasser und dem Abtrocknen mit ewig feuchten Handtüchern war eine wenig freudvolle Tätigkeit. Doch es gab auch lustige Episoden. Ein Beispiel: Hanneke und ich hatten einen wirklich großen Topf Guacamole fürs Mittagessen zubereitet. Durch eine abrupte Bewegung des Schiffes flog er vom Tisch und ergoß seinen Inhalt komplett in eine große, offen stehende Geschirrschublade. Nach einem spontanen „Ach du Scheiße!“ grinsten wir uns an und holten mit den Händen alles wieder aus der Schublade zurück in die Schüssel . Keiner hat etwas gemerkt. Alle aßen mit großem Appetit 😘

Jetzt am Schluß dieser Reise geht es mir, körperlich und mental, so gut wie seit langem nicht mehr. Alles richtig gemacht.  Ich bin sehr, sehr dankbar. 🙏🏼

Das Leben ist schön

Alles Liebe für Euch!

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