Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 66

3 Jahre…..Eine Reflektion

Am 7. Mai 2015 erfuhr ich, dass ich an Krebs erkrankt bin!

Zeit innezuhalten, die 3 Jahre in Gedanken Revue passieren zu lassen. Was war schwierig? Was hat sich geändert? Was habe ich getan, geändert? Erste Schritte, Erfolge, Krisen. Erkenntnisse über das, was hilft. Viele Versuche. Try and Error. Freunde und meine Erfahrungen.

Weshalb schreibe ich dies? Schon während ich diese paar Zeilen „zu Papier bringe“ spüre ich mein Stocken. Frage mich, gehe in mich.  Tue ich es für mich? Oder für all die anderen, die meinen Weg verfolgt haben, Anteil genommen und mir Mut zugesprochen haben?  Unwichtig!  Mein Beweggrund ist Freude!! Freude, diesen Blog zu schreiben und mich dadurch mitzuteilen. Anderen Menschen und auch mir selbst. Schon kurz nach der Diagnose „KREBS“, dem Schock, der Todesangst und dem kaum zu beschreibenden Entsetzen ahnte ich, dass die Art meines bis dato geführten Lebens einen wohl wesentlichen Einfluß auf die Entstehung meiner Erkrankung gehabt haben könnte. Doch bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine Beschäftigung mit Krebs, zwar unbewußt, aber dennoch schön vermieden.  Jedes Mal, wenn ich von der Krebserkrankung eines mir bekannten Menschen erfuhr, erfüllte mich Grausen. Die beste Art damit umzugehen, schien mir darin zu bestehen, jeglichen Gedanken daran zu unterdrücken.  Dann würde mir schon nichts passieren. Dass Krebs eine Krankheit ist, die nullkommanull ansteckend ist, soweit habe ich nicht gedacht  Allein schon der Gedanke an Krebs, schien mir, ist gefährlich!  Und doch traf es mich.                                                                                                Irgendwo habe ich Bezug auf Krebs gelesen „Wen es trifft, den trifft es.“     Wohl wahr. Ins Herz. In jeden Gedanken. Bis in jede Zelle meiner Existenz.

Nachdem ich meine niederschmetternde Diagnose auf eine so gefühllose Art mitgeteilt bekommen hatte, verließ ich die Praxis und stand schluchzend draussen auf dem Gehweg. Die Sonne schien.  Menschen gingen achtlos an mir vorbei. Für alle ging das Leben seinen normalen Gang. Nur ich war aus dieser Normalität ausgeschlossen. Denn ich hatte gerade meine Diagnose „Krebs“ bekommen, war in einer pechschwarzen Wolke, ganz allein.  Am liebsten wäre es mir, wenn jedermann auf mich zugegangen wäre und mich tröstend in den Arm genommen hatte. Doch niemand nahm Notiz. Ein Zustand der von Angst erfüllten Einsamkeit hatte sich für mich ins absolut Extremste gesteigert. Schon lange Zeit, im Grunde mein ganzes Leben, kannte ich dieses verzweifelte Alleinsein, von dem niemand etwas wissen durfte. Hier war ich nun am Endpunkt dieser Entwicklung angelangt.  Mein so sorgfältig, auch vor mir selbst,  unterdrücktes Gefühl von „ich gehöre nicht dazu“ hatte sich nun auf schreckliche Art und Weise bewahrheitet!!       Dann passierte etwas, das mir lange zu denken gab.  Nachdem ich Susanne angerufen hatte, telefonierte ich auch mit meinem Zwillingsbruder. Er arbeitet als Chefarzt in einer Hamburger Klinik.  Kaum hatte ich zu Ende geredet, meinte er, „ich komme sofort zu Dir“.  Es war um die Mittagszeit, und er hatte bestimmt viel zu tun. Auf meine Frage, ob er denn einfach so gehen könne, antwortete er lapidar, dass es ihm das völlig egal wäre, er würde jetzt direkt losfahren.                                        Unglaublich, wegen mir wollte er alles stehen und liegen lassen! Und ich fühlte ganz bewusst und überdeutlich, wie sehr ich mich Zeit meines Lebens als unbedeutend wahrgenommen hatte. Ein Gefühl, dass ich vor mir selbst und auch allen anderen immer versteckt hatte.  Dieses Thema und solche ähnlicher Art beschäftigen mich seitdem.

Doch zunächst ging es darum, einen Umgang mit dieser Furcht einflößenden Krankheit zu finden. Sofort beginnende erste, mir fremde Untersuchungen, Anrufe von betroffenen Freunden, viele Ratschläge, meine Arbeit. All das forderte viel von mir. Zu der immer wiederkehrenden schrecklichen Angst erfüllte mich ein bohrendes Gefühl von Versagen. Diese Krankheit zu bekommen war in meiner Sicht ein wirklicher Makel.  Schnell begann ich eine Überforderung wahrzunehmen.  Zu viele Aspekte gleichzeitig. Es galt, einige Entscheidungen zu treffen.  Meine Arbeit wollte ich weiterführen. Bis auf ein großes Seminar, 3 Wochen nach meiner OP, das ich absagte, habe ich bis zum heutigen Tag normal weitergearbeitet.  Eine extrem gute und meine Genesung unterstützende Entscheidung. Tiefe Befriedigung, oftmals echtes Glück und die Erkenntnis, dass mir diese Erkrankung  viel mehr Sensibilität und intuitives Verstehen für mich und andere schenkte. Ein weiterer wesentlicher Punkt war die Entscheidung , einen Blog über meine Erkrankung zu beginnen. Ursprünglich wollte ich damit lediglich die vielen gutgemeinten Anrufe und damit einhergehenden Ratschläge vermeiden. Mir war klar, dass ich  einen sehr schwierigen Weg vor mir hatte und dafür meine gesamte Kraft brauchen würde. Also fing ich mit diesem Blog an. Bei der Einrichtung und den ersten Schritten war mir mit viel Geduld  mein Freund Niels behilflich. Im Grunde war meine Absicht, mich mit diesem Blog zu schützen und gleichzeitig weiterhin alle meine Freunde über mich zu informieren.  Dabei machte ich eine unerwartete Erfahrung, nämlich, dass dies Schreiben mir gut tat, mir zusätzliche Ideen und Impulse gab. Es machte Spass zu berichten. Ich tauchte in Themen ein, die sich mir sonst nicht erschlossen hätten. Der Blog selbst wurde zu einem Teil meiner Genesung. Ich erhielt zu Herzen gehende Kommentare, die ich auch noch  heute immer wieder lese.

Gleichzeitig brach eine Lawine an Untersuchungen, Gesprächen und dann auch sehr schnell an Behandlungen über mich herab. Nichts war angenehm,  doch alles notwendig. Richtig war, alles offensiv anzugehen. Wenn also ein MRT anstand, ging es darum,  gut zu finden, dass es durchgeführt wird. Wenn ich zur Bestrahlung ging, so stieg ich die ganzen 8 Wochen, jeden einzelnen Tag, in der Zuversicht, dass mir dort geholfen wird, in das zweite Untergeschoß der Uniklinik in Hamburg. Richtig war, mich im Wartezimmer niemals hinzusetzen. Mich damit abzugrenzen, von all denen, die dort mit leerem Blick und trostloser Miene die Verantwortung für ihr Schicksal anderen  übergaben. Doch es wurde immer schwieriger. Mit Harndrang zur Bestrahlung zu gehen, war eine Qual, die ich manchmal kaum zu händeln wusste. Da ich keine Ahnung hatte, was auf mich zukommen würde, überschätzte ich  mich immer wieder. Hier Geduld und auch Demut zu lernen war eine schwierige Übung. Was mir am meisten zu schaffen machte, war die Gedankenlosigkeit, die Unehrlichkeit und mangelnde Kompetenz vieler meiner Ärzte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Eigentlich sollte es wohl so sein, dass der Arzt bei einer so schrecklichen Erkrankung wie Krebs, hilfreich und unterstützend wirklich an der Seite seines Patienten steht. Auch Trost in manchen Situationen hatte ich erwartet. Mitnichten!  Ich begriff, dass es nicht nicht dieser unsensible Umgang der Ärzte war, der  mir schadete, sondern meine Reaktion auf dieses Verhalten. Solange ich darüber jammerte, mich als Opfer ihrer emotionalen Inkompetenz sah, war ich es, der sich selbst schadete.   Stück für Stück löste ich mich ganz bewusst von dieser emotionalen Abhängigkeit. Heute sehe ich Ärzte eher als Techniker, die mich in bestimmten, eng gefassten Bereichen, auf dem Weg zu meiner Heilung unterstützen. Dennoch gibt es auch unter ihnen Ausnahmen, die sich als wirkliche Freunde gezeigt haben. In den Notzeiten meiner Erkrankung, wenn es kritisch wurde, standen sie mit ganzem Herzen und großer Kompetenz an meiner Seite. Ich bin  Euch auf ewig dankbar, liebe Freunde.

Immer klarer wurde mir, wie wesentlich es sein würde, eigene Entscheidungen zu treffen, also selbstverantwortlich zu handeln. Und es fühlte sich gut an, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen! Dadurch trat ein Zustand von Selbstbestimmung zutage, durch den ich zu mehr innerer Kraft gelangte. Diese vermehrte, innere Kraft  wiederum befähigte mich zu weiteren eigenen Entscheidungen. Ein Kreislauf in der richtigen Richtung. Selbst  Entscheidungen, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten, ließen mich nicht erstarren. Im Gegenteil, durch intensive Reflektieren war ich in der Lage zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Ein Prozeß, in dem ich mich seitdem permanent befinde. Manchmal mit viel Leid verbunden und doch immer wieder ins Licht führend. Den Themen ausweichen und mich ablenken, war und ist kein Thema mehr. 

Folgende Themen beschäftigten mich: 

  • Wie gehe ich mit Ärzten um, die sich wenig Mühe geben und nur Standart abliefern
  • Wie gehe ich mit meiner Krankenversicherung um, die mit allen Mitteln versucht, sich bei einer Vielzahl von Rechnungen vor der Bezahlung zu drücken. In all ihren Broschüren stellt sie sich da, als läge ihr das Wohl ihrer Versicherten am Herzen. Eine glatte Lüge. Anfangs bin ich am Telefon regelrecht ausgeflippt. Mittlerweile gehe ich mit diesem verachtenswertere Verhalten gelassen und dennoch zielgerichtet um.
  • Seit drei Jahren habe ich nun ein Lympfödem im rechten Bein. Dranbleiben, um eventuell doch eine signifikante Verbesserung zu erreichen, ist mühselig. Kein Arzt kümmert sich drum, geschweige denn er hätte eine Idee. 
  • Abbruch der schulmedizinischen Behandlungen und die Entwicklung eigener Wege?
  • Was hilft mir noch? Was kann ich noch tun, um meine Gesundung voranzutreiben? So viele Ratschläge und Empfehlungen von lieben Freunden. Dafür offen sein und dennoch einzugrenzen. gar nicht so einfach!
  • Und so vieles mehr………………..

Damit gelassen und souverän umgehen.  Eine echte Herausforderung.  Peu à peu gelang es mir.

Im Laufe der Zeit begriff ich, dass es eine Leitschnur gab, die mir half, Orientierung zu finden. Ich hatte gelernt, wie wesentlich es ist, mich wohlfühlen. Dieses „mich innerlich wohlfühlen“ trägt, das sagen auch viele Studien, als ein wertvoller Bestandteil zu meiner möglichen Genesung bei. Wenn man Krebs hat, gibt es zwei grundlegende Betrachtungsweisen im Umgang mit dieser Krankheit. Die eine würde ich  als „nicht sterben wollen„, und die andere als „leben wollen“ bezeichnen. Ich sehe diese beiden Sichtweisen als die zwei Seiten einer Medaille. Sie gehören zusammen, und können doch nicht unterschiedlicher sein. Mir war immer klar, dass „leben wollen“ ein kraftgebender Ansatz , während dies „nicht sterben wollen“ eher ein Nährboden für Furcht und Schrecken ist.  Bis auf ganz wenige Zeiten ist es mir gelungen, in diesem wunderbaren Gefühl des intensiven Lebens zu bleiben. 

Mittlerweile hat sich, ausgehend von dieser schrecklichen Krankheit, ein sehr schönes, sehr intensives Leben entwickelt.  So viel mehr als zuvor!

Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Doch in der Gegenwart ist es schön.  Das ist in gewisser Weise mein Werk!  So mache ich weiter…… 

 

Alles Liebe für Euch!

 

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 65

Was so gedanken-und gefühllos gesagt wird und welche Auswirkungen es hat. 

Am Montag war ich zur monatlichen Blutabnahme in der Praxis meines Urologen. Wie schon so oft. Neue PSA-Wert Feststellung. Das macht immer eine Arzthelferin. Dauert nur wenige Minuten. Diesmal war es  anders. Der Urologe, der mich 2015 diagnostiziert hat, sah mich, fragte, weshalb ich denn da sei und meinte dann zur Arzthelferin, er würde mir schnell das Blut abnehmen. Es entwickelte sich folgendes Gespräch.

Er: „Wie geht es Ihnen, Herr Krankenberg?“  

Ich: „Danke, es geht mir sehr gut.“

Er: „Wieso?“

Ich: „Nun, mein PSA-Wert ist schon seit längerem auf 0 und im Juni letzten Jahres habe ich meine letzte Anti-Hormon-Injektion bekommen. Ich bekomme keinerlei medizinische Behandlung mehr. Und der PSA-Wert ist weiterhin bei 0.“

Er:“Haben Sie denn noch Hitzewallungen?“

Ich: „Ja, doch glücklicherweise viel weniger. Vielleicht einmal am Tag und dann auch wesentlich schwächer als früher.“

Er: „Sie wissen, Herr Krankenberg, dass die Anti-Hormon-Therapie den PSA-Wert unterdrückt. Wirkt sie nicht mehr, beginnt der PSA-Wert üblicherweise wieder zu steigen. Alles andere wäre ein Wunder. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“  

Ende unseres kurzen Dialogs. 

Früher wäre ich, ob dieser Worte geschockt und es ginge mir schlecht. Diesmal war es anders!  Vielmehr war ich, nachdem sich  meine Verblüffung über seine gedanken-und gefühlose Aussage gelegt hatte, sofort in dem Modus: Ich zeig es Euch, Ihr Ignoranten, Ihr Medizin-Techniker!! Mit noch mehr Herz, Freude und Einsatz gehe ich meinen Weg und sorge selbst für meine Heilung!

Im Grunde tat er mir Leid, denn es war offensichtlich, dass er nicht besser konnte. Er sah überarbeitet und müde aus. In seiner Hetze von einem Patienten zum nächsten schien er sich und sein Herz verloren zu haben. Doch darum kann ich mich nicht auch noch kümmern.

Fakt ist, dass seine unbedachten Worte mich motiviert haben.  

Mein PSA-Wert ist wieder bei 0.

Das ist doch schön, oder?

Alles Liebe für Euch.

Von der Krankheit zur Heilung 64

Jeden Monat

 

Immer um die Mitte eines jeden Monats lasse ich mir Blut abnehmen und den PSA-Wert prüfen. Bin vorher immer ganz ruhig. Erst wenn ich auf meinem Handy die Nummer meines Arztes sehe, verändert sich meine Gefühlslage abrupt.  Er ruft mich an, um mir meinen neuen, aktuellen Wert mitzuteilen. Die ganze Außenwelt verschwindet dann schlagartig. Es existiert nur noch das Handy und die Nachricht, die jetzt kommt. Die Zeit steht still. 

Ähnliches habe ich bei Henning Mankell, dem Schriftsteller und Erfinder von Kurt Wallander, dem Protagonisten seiner großartigen Kriminalromane, gefunden. Bei ihm wurde Anfang  2014 Krebs diagnostiziert. Aufgrund dieser Diagnose schreibt er ein ganz anderes, sehr persönliches Buch „TREIBSAND, Was es Heißt, ein Mensch zu sein“.  Er schreibt: Plötzlich kam es mir vor, als ob sich das Leben verenge. An diesem frühen Morgen kurz nach Neujahr 2014, an dem ich meine Krebsdiagnose erhielt: Da war es, als schrumpfte das Leben. Die Gedanken setzen aus, eine Art öder Landschaft schien sich in meinem Kopf auszubreiten.“                                                                                            Genau so ist es mir auch ergangen und es kommt bei diesen Anrufen  jedes Mal wieder. Doch beim letzten Test kam kein Anruf. Weder am gleichen Tag noch, wenn der Urologe sich meldet, um mir einen guten Wert zu vermelden, noch im Laufe des nächsten Tages. Das kam noch nie vor! Also beschloss ich am Nachmittag anzurufen. In dem Augenblick, als ich beschloss, dies zu tun, schoss, völlig überraschend in seiner brutalen Intensität, eine Welle blanker, schierer Angst in mir hoch. Herzrasen, nicht denken könnend, wählte ich die Praxis an. Und landete in der Warteschleife…… Nach einigen Minuten hieß es, ich solle doch zu einem späteren Zeitpunkt anrufen. Auf den Anrufbeantworter zu sprechen war ich nicht fähig. Das wiederholte sich dreimal. Beim letzten Anruf schaffte ich es dann doch, eine Nachricht zu hinterlassen. Erst am Abend, Susanne  und ich waren essen gegangen, rief der Urologe an und erzählte, dass sie zu viel zu tun hätten und es deshalb bis zum darauffolgenden Montag dauern würde, bis es den neuen Wert geben würde.  Doch auch am Montag gab es keinen Anruf!  Auf meine erneute, bange Rückfrage wurde mir nur lapidar mitgeteilt, sie wären wegen Krankheit unterbesetzt und vielleicht würde es  morgen klappen. Also tief durchatmen und weiter warten. Erst am Dienstag, gegen 11h kam dann der erlösende Anruf.

Weiterhin bei Null.  Welch eine Erleichterung!! Mir kamen spontan die Tränen.   

Gestern war ich wieder da. Blutabnahme und: „Wir rufen Sie morgen an.“ 

Darauf warte ich jetzt…………..

Übrigens: Die Schmerzen in der Leiste sind deutlich weniger geworden.  

 

Soweit für heute.

Ich halte Euch auf dem Laufenden.

 

Alles Liebe für Euch!

 

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 63

Nebenwirkungen

Im letzten Beitrag kündigte ich an, über meine Knochen-und Muskelschmerzen zu berichten.

Diese Schmerzen sind massiv.  Dabei ist das schwer zu beschreiben. Schmerzen sind eine sehr subjektive Wahrnehmung.  Viele sagen, Männer würden wehleidiger  sein als Frauen. Weiß ich nicht. Kann ich auch nicht beurteilen. In Wahrheit kenn ich nur meine Schmerzen, und in diesem Fall sind sie teilweise schwierig zu händeln. Was passiert da?

Die am Knochen (Schambein) sitzenden Muskeln ziehen sich beim Sitzen zusammen. So ist das bei jedem Menschen. Da sie bei mir durch die Bestrahlung vernarbt sind, tut es weh, wenn sie anschließend  durch Bewegung wieder auseinander gezogen werden. Sitze ich lange, wie beispielsweise fast 5 Stunden während meines letzten Fluges nach Lanzarote, bin ich anschließend nahezu bewegungsunfähig. Doch gerade dann gilt es, mich aktiv zu bewegen und zu strecken. Das kann schon dauern, bis es wieder besser wird. Manchmal zwei Tage. Und manchmal reicht eine halbe Stunde am Schreibtisch um den Rest des Tages zur Qual werden zu lassen. Doch eine feste Regel, die mir Orientierung gibt, scheint es dabei nicht zu geben. Also einfach viel Bewegung, insbesondere Schwimmen tut mir richtig gut.  

An Tagen, die besonders qualvoll sind, merke ich, wie kraftraubend dieser Zustand ist. Meine Bewegungen sind dann schwerfällig und langsam.  Ab und zu ertappe ich mich  bei dem Wunsch, mich einfach nur ins Bett zu legen und Ruhe zu haben. Manchmal fällt es mir schwer, meine Moral und Motivation hoch zu halten. Was mir dabei hilft, ist die nimmermüde Unterstützung von Susanne und meine mentalen Übungen, eine Wärmflasche, ein Wärmepflaster  und eben Schwimmen.  Da bin ich eisern.

Anfang März fahren wir mit Freunden zum Skifahren. Freue mich sehr. 

Schon komisch, dass ich eigentlich unter meiner Primarerkrankung, dem Krebs, nie wirklich gelitten habe. Es ging und geht immer nur um die Nebenwirkungen der verschiedenen Behandlungen.

Na besser so als umgekehrt.  

Meine Zuversicht, auch das hinzubekommen ist stärker den je.  Diese Zuversicht unterstützt mich weiterhin sehr.

Alles Liebe für Euch und ein gesundes und glückliches 2018!!

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 62

Achterbahn;  Gürtel und Hosenträger

Lange nichts geschrieben.  Dabei ist soviel passiert.

Irgendwie fehlte mir der Elan, mich um meinen Blog zu kümmern.  In gewisser Weise führt mich diese Krebserkrankung an die Wurzeln meines Seins. Immer weiter tauche ich ein in meine Gefühlswelt, meine Glaubenssätze, in meine gesamte Existenz. Die Beschäftigung mit dem Außen,  dem Bedürfnis  „mich mitzuteilen“ wird geringer.  Immer mehr konzentriere ich mich auf die Dinge meines Leben, die akut wesentlich sind, die mich aktuell interessieren und mir Freude bereiten. Dabei gibt es so vieles, dass neu und interessant ist, dass ich, zunächst unbewusst, dann jedoch absichtsvoll, manches schiebe.  Dazu gehört eben auch dieser Blog.  Trotz des Wissens, dass viele Freunde und mittlerweile auch viele mir unbekannte Menschen mitverfolgen, wie es mir geht, empfand ich es für mich als wichtiger,   einen anderen Weg zu gehen. Alle, die meinen bisherigen Weg begleitet haben und die ich in der Luft hängen ließ: Verzeiht mir?!!

Wie ist denn nun der aktuelle Stand? 

Nachdem ich mich von der Information, wie im vorherigen Beitrag beschrieben, erholt hatte, wurde ich wieder aktiv. Wunderbarerweise erfahre ich dabei geradezu lebensrettende Unterstützung von lieben Menschen.

Einige Tage später saß ich im Wartebereich eines noch relativ jungen onkologischen Chirurgen in der Nähe von Berlin. Diesen so kurzfristigen  Termin hatte mir mein Leipziger Freund besorgt, der seine einzigartigen Beziehungen dafür nutzte. Er hatte mich auch in die Klinik nach NY begleitet.

Es ging bei diesem Gespräch darum, zu besprechen, ob eine chirurgische Entfernung der Knochenmetastase im Schambein möglich sei. Im Vorweg hatte ich den Arzt gegoogelt. Habe ich wichtige Termine, tue ich dies, um mich, soweit es möglich ist, gefühlsmässig auf den Termin  vorbereiten.  Ein knochentrockener Typ, der auf meine Bemerkung, „Von Ihnen wird ja nur Gutes berichtet“ nur erwiderte „Das will ich hoffen“. Auch als ich ihm zu seiner erst vor kurzem erfolgten Ernennung zum Chefarzt und einer nun eigenen Abteilung gratulierte, waren seine Worte:“Wurde auch Zeit!“        Doch so knapp er sich dazu äußerte, so klar und prägnant waren seine Aussagen zu vorliegenden Pet-CT. 

Zusammengefasst teilte er uns, Susanne war mitgekommen, mit, dass aus seiner Sicht meine Schmerzen und das schlechte Knochenbild lediglich ein Ergebnis der hohen Strahlungsdosis sei. Eine Dosis, die weit über der Strahlungsreserve liegen würde , die ich noch zur Verfügung gehabt hatte.  Es hätte nun, aus seiner Sicht, zu einer Nekrose, auf Deutsch, einem Absterben des Knochens geführt.  Zusammen mit einer Fibrose (Vernarbung) der anliegenden Muskeln würde zu den Schmerzen führen. Auch dass diese Schmerzen je nach Art meiner Bewegungen unterschiedlich seien, spräche dafür. Dass es im CT immer noch leuchten würde, sei ein Ergebnis der hohen Strahlendosis. Aber kein Krebs. 

Überrascht, etwas zittrig, fragten wir ihn, ob dass denn sicher sei. Lakonische Antwort: „Kein Arzt auf der Welt kann Ihnen das sicher sagen. Aber ich operiere Sie nicht!“ Da saßen wir nun. Wagten kaum, ihm zu glauben. Es klang zu schön, um wahr zu sein. Ob denn zur Absicherung eine weitere Knochen-Biopsie sinnvoll wäre?  Er wieder: “ Wenn Sie zum Gürtel zusätzlich Hosenträger brauchen, dann machen Sie das.“ 

So gingen wir. Das Gespräch hatte vielleicht eine halbe Stunde gedauert. Stück für Stück wagten wir es, uns zu freuen. Was er gesagt hatte, klang schlüssig und klar. Auch mein Urologe, dem ich am nächsten Tag davon berichtete, stimmte dieser Einschätzung zu. Wir beschlossen die Anti-Hormon-Behandlung abzubrechen und nunmehr monatlich (bisher vierteljährlich) meinen PSA-Wert zu checken.  Mein persönlicher Einsatz, zu meiner Gesundung beizutragen, intensivierte sich weiter. Jetzt machte es erst richtig Spaß. Was Freude und Zuversicht doch bewirken können!

Einen Monat später der erste PSA-Wert ohne jegliche medikamentöse Behandlung.   Bei  0 !!  Uff, welche Erleichterung. 5 Wochen später der nächste. Wieder bei 0. Zu sagen, mir wäre ein Stein vom Herzen gefallen, ist wohl die Untertreibung des Jahres. Zu genau wußte ich, was es bedeuten würde, wäre der Wert auf einmal bei 0,5 .  Ist er aber nicht!!  

Nun beschäftige ich mich mit den Knochen-  und Muskelschmerzen in der Leiste. Davon berichte ich in den nächsten Tagen. 

Alles Liebe für Euch

 

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 61

Bad News oder das Ende einer Täuschung

Es war nicht nötig, nach Heidelberg zu fahren. Es reichte ein Telefonat.

Nachdem Susanne dem Radio-Onkologen die Ergebnisse des Pet-Scans zugesandt hatte, rief er meinen Bruder an, um mit ihm seine Interpretation zu besprechen. Dabei stellte er zwei Dinge in den Vordergrund. Zum einen hat sich der Träser seit der letzten Untersuchung im April nicht verändert und zum anderen anderen ist eine deutliche Auflösung des Knochens zu erkennen. Der Träser ist die Substanz, die nach Verabreichung der Nuklearflüssigkeit injiziert wird. Er zeigt dann durch regenbogenartiges Leuchten die Stellen, an denen möglicherweise Krebszellen aktiv sind, an. Ich habe das Procedere schon an anderer Stelle erläutert. Die Größe und Aktivität ist gleich geblieben. Wäre es lediglich ein energetischer Abdruck der Bestrahlung vom September letzten Jahres gewesen, würde es sich langsam reduzieren. Dem ist leider nicht so. Das lässt nur den Schluss zu, dass es sich weiter um aktive Krebszellen handelt. Dazu kommt eben eine deutliche Aufweichung des Knochens. Im CT zeigt er sich wesentlich durchsichtiger als vorher. Der Grund dafür kann nur in einer erhöhten Aktivität der Knochen-Metastase liegen. Auch wenn der Heidelberger sich dahingehend äußerte, dass dies alles noch nicht wirklich sicher wäre. O-Ton: „Es gibt dafür keine sicheren Erfahrungen.“, so ist für mich alles eindeutig. Der Krebs ist wieder da. Er war nie weg. Seit einigen Wochen habe ich Schmerzen in der Leiste. Es sind exakt die gleichen Beschwerden, wie im November 2015, als die Knochen-Metastase zufällig entdeckt wurde.

Durch Studien ist belegt, dass Sport für den Heilungsprozess unterstützend wirkt. Im Februar diesen Jahres habe ich wieder mit dem Laufen begonnen. Als ehemaliger Marathonläufer hatte ich geradezu Sehnsucht, wieder zu laufen. Anfänglich fiel mir das unglaublich schwer. Wirklich sehr langsam mit Gehpausen und schmerzender Lunge. Doch ich machte weiter, und peu á peu ging es besser. Im Mai, als ich ein einwöchiges Seminar in Bayern besuchte, lief ich jeden Tag. Doch vor ca. 6 Wochen kamen die Schmerzen. Nach jedem Laufen schmerzte meine Leiste. Mehr und mehr. Bis ich das Laufen wieder einstellte. Doch der Schmerz, zwar geringer, blieb.

Un nun dieses Ergebnis. Im Grunde wußte ich es schon, wollte jedoch meine Hoffnung, dass der Krebs weg ist, nicht aufgeben. Das diese Hoffnung nun vorbei ist, ist gut für mich. Denn diese Hoffnung beruhte nicht auf Tatsachen, sondern auf Spekulationen. Es war eine Täuschung. Im Ergebnis habe ich dadurch in meiner Konzentration auf Heilung etwas nachgelassen. Doch mal Schokolade, doch mal ein Glas Wein mehr, doch mal nicht zum Schwimmen gehen, doch mal eine Heilungsmeditation auslassen, kleine Nachlässigkeiten beim Essen………………….. Ist man „enttäuscht“ ist es das Ende einer Täuschung! Die Täuschung ist vorbei. So schwer das auch ist, ist es gut so. Zwei Tage habe ich gebraucht, mich von dieser Nachricht zu erholen. Dieses Gefühl, die Zeit steht still, wie eingefroren, diese pechschwarze Wolke, die mich berührt, dies ungeheure Entsetzen. Es ist in Teilen da und auch schon wieder vorbei. Jetzt kann ich mich wieder voll und ganz auf meine Heilung konzentrieren. Bin konzentriert. Habe wieder begonnen, mein Netzwerk von Unterstützer zu aktivieren. Sloan-Kettering in NY, der Urologie-Professor in Greifswald, eventuell ein chirurgischer Eingriff, Chemotherapie , die ganze Palette. Viele liebe Menschen unterstützen mich. Welch ein Glück!!! Und meine innere Bereitschaft, aktiv zu sein, ist wieder da. Ich werde weiter berichten.

Alles Liebe für Euch!

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 60



PUH!!!

Am letzten Mittwoch war ich, wie geplant, in Oldenburg. Es ging darum, mit einem plastischen Chirurgen, operative Möglichkeiten für mein Lympfödem zu besprechen.  Er meinte, ich solle noch abwarten. Das Bein würde sich eventuell auch ohne OP weiter verbessern. Wir hätten noch Zeit.. Sehr schön. Ich bin durch solche Aussagen zusätzlich motiviert, mich weiter zu kümmern. Gleichzeitig saß ich wie auf Kohlen, denn ich wartete auf den Anruf meines Urologen, der mir den neuesten PSA-Wert mitteilen wollte. Da nichts kam, rief ich selbst an. Herzklopfen bis sonst wo……. Und: Mein PSA  ist weiterhin unter der Messgrenze. HALLELUJA!!!! Ungeheure Erleichterung in mir. Von Kopf bis Fuß.

Im September  nun das Pet-CT.                                                                                        Schritt für Schritt.

 

Alles Liebe für Euch!

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 59

Es wird ernst!!

So empfinde ich es gerade. Mein innerer Druck steigt und  immer wieder tauchen  Szenarien einer erneuten  Verschlechterung geradezu blitzartig vor meinem inneren Auge auf.                                                                                                      Heute bekomme ich meinen neuen PSA-Wert. Wenn dieser in seiner Bedeutung so wesentliche Indikator nun auf einmal angestiegen ist?  Er war so lange bei Null!   Es würde heißen, dass sich der Krebs wieder meldet. Streuung, Metastasen. Alles nicht mehr in den Griff zu bekommen. Wie bei so vielen anderen Menschen, deren Geschichten wir alle mit einem leichten Grausen gehört haben. 

Im September kommt ein neuer Pet-Scan. Ich hatte darüber im Beitrag #57 geschrieben. Was ist, wenn es dann auch woanders leuchtet? Es gelingt mir augenblicklich nur zeitweise, mich von diesen Gedanken und Bildern zu lösen. 

Damit einher geht, dass ich mich in der letzten Zeit eher schwach fühle. Sport fällt mir schwer und mich aufzuraffen, berufliche Themen vorwärts zu treiben ist mühselig. Mir fällt ein, dass es mir direkt vor der Krebsdiagnose ähnlich ging. Auch damals bin ich schwerfällig gejoggt, war ständig müde. Ist das Zufall oder steht es, wie vor 2 Jahren, für einen aktiven Krebs? Mehr als sonst bin ich geistesabwesend, vergesse einiges und bin ohne Elan. Die sonst mir innewohnende Intensität und Zuversicht ist zumindest geringer. Da passt es auch ins Bild, dass ich Ende letzter Woche einen Sturz mit dem Fahrrad hatte.  Bin mit allerdings sehr schmerzhaften Prellungen davongekommen. Hätte auch anders ausgehen können!! Doch es passt ins Bild. Denn auch als im Oktober 2015 die Metastase am Schambein festgestellt wurde, hatte ich vorhereinen üblen Sturz mit dem Fahrrad! Omen est nomen?

Heute habe ich in Oldenburg eine Termin mit einem Arzt, der Lympfödeme operieren kann. Mein Bein ist leider nicht besser geworden.

Mein Zwillingsbruder, der Arzt ist, hat bei einem Kongress einen Vortrag über die Möglichkeit der operativen Wiederherstellung des Lympfabflusssystems gehört. Und heute nun wird geschaut, was möglich ist.  

Es wird also ernst! In vielerlei Hinsicht.

Wie es sich anfühlt, wenn alles für mich gut verläuft, weiß ich genau. Das stelle ich mir, auch wenn es gerade schwerfällt, immer wieder vor. Ich drücke mir selbst die Daumen. 

 

Alles Liebe für Euch!

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 58

Gutes tun

Mehrmals habe ich mich  in meinem Blog mit dem Thema „Mitgefühl“ auseinandergesetzt. Und je mehr ich mich damit beschäftigte, umso unklarer wurde ich. Wie fühle ich das?    Mitgefühl mit mir selbst?!          Vor zwei Jahren, direkt nach der Operation, hatte mir der Psychoonkologe der Uniklinik Eppendorf ein 40-seitigen Text von einer Christine Brähler zu diesem Thema gegeben. Siehe Blog „Mein Weg 7“. Obwohl mir klar war, welche Bedeutung diese Lektüre für mich haben könnte, hatte ich ihn zunächst beiseite gelegt. So viele andere Themen………….

Doch Anfang dieses Jahres kramte ich ihn wieder hervor. Und tat mich schwer!  Kognitiv und rational begriff, was ich da las. Doch ein Gefühl wie,  „Ah, jetzt verstehe ich. Das ist ja prima! Endlich. So geht das also. Na, jetzt mache ich das mit dem Selbstmitgefühl.“  stellte sich nicht ein. Null! Im Gegenteil, am nächsten Tag las ich das Vorherige nochmals, da es in mir keinen Nachhall hinterlassen hatte. So als wenn ich eine wissenschaftliche Abhandlung über den Sinn und die Tiefe der Seele lesen würde und hoffte, ich bekäme dadurch einen erstmaligen Zugang zu meiner eigenen Seele.

Dabei war mir die Bedeutung von Mitgefühl für mich im Laufe dieser zwei Jahre immer klarer geworden. Falls es mir gelänge, aus dem Modus von Selbstkritik und Selbstanklage auszubrechen und ich stattdessen einen liebevollen, auch verständnisvolleren Umgang mit mir selbst pflegen würde, würde ich ein glücklicheres Leben führen. Das hätte wiederum eine positiven Einfluss auf meine Gesundheitszustand.

Unsere Lebensführung, das haben neueste Studien nachgewiesen,  hat einen gewissen Einfluss auf unsere Gene. Und da Krebs eine Generkrankung ist, geht es darum, sehr vereinfacht ausgedrückt, dafür zu sorgen, dass durch verschiedene Faktoren, die Gene positiv beeinflusst werden. Epigenetik, ein mir vorher völlig unbekanntes, doch nunmehr faszinierendes Thema.

Zurück zum Mitgefühl mit mir selbst. Selbstkritik schadet mir. Bremst mich. Lässt mich angespannt sein. Bringt mich nicht in einen Zustand von freudigem Engagement, sondern, im Gegenteil, scheint mich eher zu lähmen. Immer wieder die gleichen Themen!!! Kraftlosigkeit, mich im Kreis drehen, Niedergeschlagenheit. Das Steuer herumreißen wird dann immer anstrengender und schwieriger. Natürlich war dies nicht der vorherrschende Zustand meines Lebens. Doch es spielte immer wieder eine bedeutende  Rolle.

Mal angenommen, ein mir nahestehender Mensch schafft  etwas nicht, und ich bekomme mit, dass er sich dafür hart kritisiert. Schlage ich nun  in die gleiche Kerbe und kritisiere ihn ebenfalls und zwar auf einer persönlichen Ebene, so nach dem Motto, „Schon wieder! Du bist aber auch zu dämlich und zu schwach. Streng Dich doch mal an. Ich glaube nicht, dass du es schaffst. Jedenfalls nicht dauerhaft. Ich zweifle an reviews Dir!“. Würde ihn diese Kritik voranbringen, ihm sogar guttun? Wohl kaum. Im Gegenteil, er wäre eher geschwächt.                                                                                                                                     Was er vielmehr bräuchte, wäre Mitgefühl, Zuspruch und Ermutigung. Tun wir dies, würde es ihn unterstützen.

Wie gehen wir mit uns selbst um? Ich zumindest, bin ein Meister der Selbstkritik, und im Glauben, mich damit anzutreiben, habe ich mir nicht gutgetan!! Ich denke, dass es vielen Menschen so geht.

Das Mitgefühl, dass ich anderen Menschen so gern und oft auch so leicht geben kann, gebe ich mir selbst nicht. Doch ich hätte es gern.  Wie geht das?

In dem allmählichen Wissen, dass mir dieser Text „Compassion Focused Therapy“ von Christine Brähler nicht wirklich weiterhelfen würde, googelte ich sie. Und war fasziniert. Ein ausdrucksstarkes Bild, interessante Artikel, Meditationen und eben auch Seminare zum Thema „Mindful Self Compassion“.  Eine Woche zum Thema Selbstmitgefühl. Nahe München in einem Seminarzentrum auf dem Land. Ich meldete mich an. Und…………..

Eine neue Welt des Umgangs mit mir selbst tat sich auf. Selbstmitfühl, ein Programm in 8 Schritten. Eine Art Abenteuer >>Selbstverantwortung, Neugier, Unvorhergesehenes, Mut, Achtsamkeit, Kontrolle abgeben.

Ich setze  mich absichtsvoll positiven Einflüssen aus. Bewusste Konzentration auf diese Einflüsse. Meditation, Präsenz, Mitgefühl, gute Ernährung, wunderschöne Umgebung, Sport, Gespräche, Schweigen, Tagebuch, Lernen, Erfahren.

Der Anlass für Mitgefühl ist Belastung. Es gilt: Mit Anstrengung verändere ich kein Selbstmitgefühl. Wenn ich langsamer gehe, komme ich schneller voran.

Eine Aussage gleich am Anfang: „Wir arbeiten mit dem Herzen!“

Wenn ich mein Herz spüre: Weich, offen, verletzlich, berührbar, lösend……..Was passiert dann?  Ob dieser Frage bekam ich erstmal Herzklopfen.

Verschlossenes Herz: verkrampft im Körper, flaches Atmen, strenger oder starrer Gesichtsausdruck, Kritik an uns, an anderen, am Leben, der Welt. An allem. Angriff, Zurückziehen, Müdigkeit.

Frage: Was brauche ich denn gerade, um mit meinem verschlossenen Herzen umzugehen?   Zunächst brauche ich Zeit und damit die Gelegenheit, in mich hineinzufühlen, mich wahrzunehmen.  Wie bin ich mit mir selbst und wie bin ich mit anderen? Unter einfühlsamer, aber auch klarer Anleitung ging es los. Immer wieder Fragen, deren Beantwortung nur aus meinem Herzen heraus möglich war. Manchmal ganz schön schwierig.

Daneben die Frage, ob denn Selbstmitgefühl nicht bedeuten würde, dass man schwach und  träge wird. Ob das nicht sogar gefährlich ist. So etwas tut man doch nicht. Insbesondere als Mann!!   Die Forschung belegt das Gegenteil! Und genau das erlebte ich auch. Je mehr ich mich einließ, desto gelöster, klarer wurde ich. Der Morgen begann mit dem Frühstück und Gemeinschaftsarbeit. Schweigend!!  Eine gänzlich neue Erfahrung, die mir, wieder mal, zeigte, wie wenig ich in manchen Bereichen über und von mir weiß. Um 9 Uhr begann das eigentliche Seminar. Meditationen, Gruppen-und Einzelarbeit. Vielfältig und manchmal mit Überwindung.

Ein Beispiel:   Emotionaler Schmerz 

Schmerz und Widerstand gegen diesen Schmerz führt zu Leiden!                      Das, wogegen wir uns wehren, bleibt oder wird stärker.                                Mögliche Folgen:

  • Panikattacken
  • Nebel im Kopf
  • Selbstkritik
  • Melancholie
  • Depressionen
  • …………………………………

Wir versuchen uns abzulenken,um nicht dran zu denken. Und es bleibt!

Dient mir dieser Widerstand auf irgendeine Weise? Ich vermeide an Grenzen zu kommen, tauche sozusagen weg. Grenzen, von denen ich denke, dass ich sie nicht erreiche. vermutlich nicht schaffe. Ich tue nur das, was ich kenne, was ich kann. Dann ist der Erfolg auch sicher. Damit begrenze ich mich, mache mich klein. Ich ziehe den Schwanz ein.

In diesem Seminar habe ich angefangen zu lernen, anders zu leben.

Wenn ich zulasse, meinen Schmerz zu spüren, kann ich mich heilen.

 

Zugegeben, das klingt zunächst schwierig. Jedoch eher auf der rationalen Ebene. Durch  behutsame Anleitung und  Führung durch die Übungen öffnete  sich mein Herz und das versetzte mich wundersamerweise, in die Lage, ganz anders zu handeln.

Und so erforschte ich viele Aspekte meines Seins. Ein ganze, intensive Woche kümmerte  ich mich nur um mich.  Das tat unglaublich gut. Zurück in Hamburg bin ich weiter dran. Bereite meinen Tag sorgfältiger mit viel Freude vor. Bin aktiver. Die Dinge klappen besser. Laufe nicht weg und bin mitfühlend mir selbst, wenn ich etwas nicht hinbekomme, vergesse oder doch in alte Muster verfalle. Meine Krebserkrankung führt ab und zu in eine große Traurigkeit, oder auch die Angst vor neuen Metastasen beschäftigt mich. Immer besser gelingt es mir, diese Gedanken und Gefühle zuzulassen, sie wahrzunehmen  und mich mit ihnen zu beschäftigen. Im Grunde sehr unangenehme Themen, doch es befreit mich und lässt mich anschließend freudiger und lebendiger sein. Immer noch etwas unglaublich.

Heute morgen schaute ich nach dem Aufstehen vom Schlafzimmer auf die große Teichwiese im Sonnenschein und fühlte eine große Traurigkeit, dass es bald vorbei sein könnte. Gleichzeitig war ich voller Sehnsucht, es zusammen mit Susanne noch lange genießen zu können. So etwas hätte ich früher sofort weggedrückt und mich mit etwas anderem beschäftigt. Bloß ablenken!! Heute bin ich anders, ging  zu Susanne, erzählte es ihr. Sie nahm mich in den Arm. Ich fühlte Trost. Anschließend setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb, wie jeden Morgen, auf, worüber ich am gestrigen Tag glücklich war. So viele Dinge……

Ende August kommt der nächste PSA-Wert und Ende September das nächste Pet-Scan. Im freudigen, aktiven Gestalten meine täglichen Lebens trage ich dazu bei, dass es eher gut wird.

 

Alles Liebe für Euch!

Von der Krankheit zur Heilung Mein Weg 57

Durchschnitt oder Exzellenz

Der Befund aus dem Pet-Scan war, wider Erwarten nicht das, was ich mir so sehr gewünscht, was ich mir so sehr visualisiert und worauf ich so sehr hingearbeitet hatte. Susanne hatte mich erneut begleitet und war die ganze Zeit, so ein Pet-Scan dauert ungefähr 3 Stunden, an meiner Seite. Als wir dann zum Gespräch gebeten wurden, sah ich schon beim Eintreten auf dem großen Monitor an der Wand das Leuchten der Metastase an der gleichen Stelle wie vorher. Das dabei in mir abrupt entstehende Gefühl ist nur schwer zu beschreiben. Ungläubigkeit, Entsetzen, verbunden mit dem innerlich gesprochenen Wort „SCHEISSE“ in einer alles andere ausschließenden Intensität. Nichts existiert außer diesem Gefühl. Den Erklärungen des Radiologen, der wie ein Wasserfall redet,  vermag ich nicht zu folgen. Merke nur, dass ich zusätzlich ärgerlich werde, da er, wie so viele Ärzte, so unempathisch ist.                                                                                               Nun zu den Fakten: Die Krebszellen in der Metastase leuchten in gleicher Helligkeit und Größe wie vor der Bestrahlung! Die Bestrahlung brachte  also nicht die erhoffte Besserung oder gar Heilung! Auf dem Weg nach draußen flossen dann doch einige Tränen der Enttäuschung und Fassungslosigkeit.  Susanne erläuterte  mir dann nochmals die Erklärungen des Radiologen. Unter Umständen, hatte dieser gesagt, ist das leuchtende Bild auch etwas anderes, nämlich lediglich die Anzeige der Energie, die durch die Bestrahlung an dieser Stelle entstanden ist. Na ja, mit solchen Aussagen kann ich wenig anfangen, zumal wenn der Arzt, wie in diesem Fall, noch jung und unerfahren ist. Doch auch bei dem ausführlicherem Gespräch mit dem Radiologie-Professor  einige Tage später gab es keine neuen und klareren Auskünfte. Er konnte das Bild nicht deuten.  Auf meine Frage, was er tun würde, hätte er meine Erkrankung und diesen Befund, meinte er nur, abwarten!! Eine völlig unbefriedigende Antwort!! Ich war nunmehr erfüllt von dem Gedanken, in mir ist eine tickende Zeitbombe und könne nun abwarten, bis sie sich melden würde. Sich melden, hieße, es würde irgendwo eine weiter Metastase entstehen. Im Kopf, in der Leber oder wer weiß, wo…..  Es hieß also wieder mal dranbleiben. Die ganzen Möglichkeiten abklopfen, von NY, über Möglichkeiten der operativen Entfernung bis hin zu weiteren Informationen über das, was da in mir ist. Von einer erneuten Biopsie rieten mir alle ab. Die Gefahr einer Verteilung von Krebszellen, wenn es den solche sind, wäre zu groß.  Nach diversen Gesprächen mit Freunden und anderen Ärzten entwickelte sich  langsam ein Plan. Zunächst würde ich nach Heidelberg ins Deutsche Krebsforschungszentrum fahren, um mir dort ein Zweitmeinung der wohl kompetentesten Fachleute in Deutschland holen. Zeitgleich würde der Freund und Arzt, der schon den Besuch im Memorial Sloan and Kettering Cancer Center in NY ermöglicht hatte, die Möglichkeiten einer chirurgischen Entfernung der Knochenmetastase erkunden.

Doch zunächst ging es um eine Zweitmeinung . Wie immer in Begleitung, diesmal durch meinen Zwillingsbruder, fuhr ich also nach Heidelberg. Der dortige Direktor der onkologischen Radiologie hatte im Vorwege alle notwendigen Unterlagen erhalten. Zu meiner großen Erleichterung hatte dieser Professor sich sehr gut vorbereitet und nahm sich wirklich Zeit, alle relevanten Details in Ruhe mit uns zu besprechen. Wie angespannt ich war , ließ sich an einer kleinen Störung erkennen, die uns bei der Ankunft am Heidelberger Klinikum  bei der Suche nach dem genauen Gebäude widerfuhr. Das Navi war nicht in der Lage uns auf dem großen Campus genau zu leiten. Als wir dann geparkt hatten, bemerkten wir, dass wir noch fast einen Kilometer zu Fuß zu gehen hatte, Da mein Bruder, aufgrund eine Fußbruches, an Krücken ging, war das nicht möglich. Obwohl wir immer noch sehr gut in der Zeit waren, wurde ich sofort hektisch und verlor die Übersicht.  Mein Bruder  meinte später lapidar: „Peter war da komplett neben der Spur!“

Nun gut, pünktlich zur verabredeten Zeit, waren wir im Gespräch. Mein Bruder redete, während ich mich zunächst zurückhielt. So hatten wir es auch besprochen. Einige Tage vorher hatte ich den Professor gegoogelt, um mich besser auf ihn einstellen zu können. Ein netter Kerl, der offensichtlich kompetent war. Schnell entwickelte sich ein Gespräch zwischen ihm und meinem Bruder, also zwei Chefärzten, deren Fachchinesisch ich nur schwer folgen konnte. Als der Heidelberger telefonisch noch eine anderen Arzt befragte, meinte mein Bruder nur zu mir: „Das Gespräch ist positiv. Ich erkläre es Dir später genau.“ Folgende Botschaft kristalisierte sich heraus: Der Teil des Pet-CT vom April, der die möglichen Krebszellen und deren Stoffwechsel-Aktivität darstellt, ist in der Tat mit dem Pet-CT vom Juni 2016 identisch. Ob dies jedoch dasselbe aussagt ist unklar. Es könnte eben auch, wie schon in Hamburg gesagt, eine energetische Reaktion auf die letzte hochfrequente Bestrahlung sein. In der Hinsicht war also weiterhin keine definitive Aussage möglich. Doch gibt es noch ein sogenanntes „natives CT“, das die Knochenstruktur darstellt, sich also nicht mit dem Krebs an sich beschäftigt.   Dieses „native CT“ hatten sich die Hamburger Radiologen nicht angesehen.  Und hier gibt  es einen gravierenden Unterschied. Während die Knochenstruktur im Bereich der Metastase  im Juni letzten Jahres weich und in Auflösung war, hatte sie sich nunmehr, selbst für mich sichtbar, deutlich verhärtet und normalisiert. Diese Veränderung ließe nur einen Schluss zu, so der Heidelberger Professor: Entweder ist da kein Krebs mehr oder die Krebszellen schlafen komplett!!. Auf meine gespannte Frage, welche Möglichkeit er denn wohl für wahrscheinlicher halten würde, meinte er, dass aus seiner Sicht mehr dafür sprechen würde, dass da kein Krebs mehr sein würde.       Selbst jetzt, während ich dies schreibe, bekomme ich noch Herzklopfen ob dieser Antwort. Eventuell hat die Bestrahlung und all das, was ich so getan habe, geholfen.  Mehr als zwei Jahre bin ich nun dabei und nun eine solche Einschätzung, die mir doch sehr viel Mut macht, auch wenn sie noch nicht endgültig ist. 

Augenblicklich läuft alles weiter, insbesondere die Anti-Hormon-Behandlung, auf deren Absetzung ich doch insgeheim gehofft hatte, wird fortgesetzt. Und im September wir ein erneutes PET-Ct durchgeführt um das Ganze zu verifizieren. Also zunächst alles wie immer, doch mit einer noch mehr verstärkten inneren Motivation. Soweit zunächst . Ich berichte weiter.

 

Alles Liebe für Euch !